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Kommentierte Literaturliste zur Kritik der politischen Ökonomie

Ausführliche Literaturliste von Michael Heinrich zur Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.

Sie beginnt mit Marx‘ Schriften selbst und stellt daran anschließend die verschiedenen Lesarten des 20. Jahrhunderts vor.

Umfasst bis 1998 erschienene Literatur, veröffentlicht 1999 im mittlerweile vergriffenen Buch „Kapital.doc“.

http://www.oekonomiekritik.de/110KommLitverzeichnis.htm

 

Ab 1998
Eine aktuelle Auswahl der Neuerscheinungenzur Kritik der politischen Ökonomie ab 1998 bietet Michael Heinrich unter http://www.oekonomiekritik.de/Lit.htm

Dokumentation: Herbert's Hippopotamus

Marcuse and Revolution in Paradise

Einstündige englische Dokumentation über den Einfluss von Herbert Marcuse insbesondere in den USA.

Beschreibung:
This documentary examines the turbulent life in California of political philosopher Herbert Marcuse (1898-1979), author of One-Dimensional Man, Reason and Revolution and Eros and Civilization, among other books, professor of philosophy at the University of California San Diego, and a visionary and influential force for the student movement worldwide during the Sixties and Seventies. Blending archival footage, interviews, re- created scenes and voice-over narration, the video profiles not only the life of Marcuse but also the history of student protest and social activism. The video features interviews with Marcuse’s student Angela Davis, former UCSD Chancellor William McGill, colleagues Fredric Jameson and Reinhard Lettau, and rare footage of Marcuse and former California Governor Ronald Reagan. Directed by Paul Alexander Juutilainen

http://video.google.com/videoplay?docid=-5311625903124176509#

Dokumentation: Was war links?

Vierteilige Dokumentation über das Jahr 1968 sowie die Frage: Was war links?

Folge 1: Protest und Theorie
Folge 2: Dutschke und Konsorten
Folge 3: Lärm und Gewalt
Folge 4: Kunst und Klassenkampf

Zu Wort kommen u.a. Theodor W. Adorno, W.F. Haug, Oskar Neg, Harun Farocki, Robert Gernhardt, Rüdiger Safranski, Hans Magnus Enzensberger, Klaus Theweleit und Katharina Rutschky.

Vollständig auf YouTube verfügbar unter:

http://www.youtube.com/watch?v=UShGXv2eKxQ&feature=&p=6F3ABB9C87AC9C48&index=0&playnext=1

 

Sendemanuskripte sowie weitere Infos unter http://www.waswarlinks.de

Literaturliste zur Hegemonietheorie von Antonio Gramsci

Die folgende Literaturliste zu Antonio Gramsci und seiner Hegemonietheorie ist selbstverständlich nicht vollständig, dazu ist die Literatur zum Thema längst viel zu umfangreich und unüberschaubar. Vielmehr haben wir uns bemüht neben den wichtigsten Werken auch einige „Geheimtipps“ vorzustellen.

Bei Anmerkungen und Ergänzungen bitte einfach ein Mail ans Theoriebüro schicken. Siehe Kontakt.


 

 

Gefängnishefte

Gramsci, Antonio (1991ff). Gefängnishefte, Bd. 1-10, hgg. v. K. Bochmann, W.F.Haug u.a., Berlin/Hamburg.

Die definitive weil komplette Ausgabe der Gefängnishefte, unentbehrlich für das Verständnis der Hegemonietheorie.

Der erste Band enthält eine Einleitung von Valentino Gerratana (Herausgeber der italienischen Ausgabe) sowie ein Vorwort vom Mitherausgeber der deutschen Ausgabe Wolfgang Fritz Haug. Extrem hilfreich ist der zehnte Band der als Index-Band die Orientierung in den Gefängnisheften deutlich erleichtert.

Leider ist diese zehnbändige Ausgabe nicht ganz billig, sollte sich aber in jeder guten (sozialwissenschaftlichen) Bibliothek finden.

 

 

Gramsci-Einführung I

Neubert, Harald (2001). Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei. Eine Einführung, Hamburg.

Kleine Einführung zu Antonio Gramsci mit Schwerpunkt auf seine Schriften zu Hegemonie, Zivilgesellschaft und Partei. Nicht aufregend aber als erster Einstieg ganz gut geeignet.

 

 

Gramsci Einführung II

Anderson, Perry (1979). Antonio Gramsci. Eine kritische Würdigung, Berlin.

Anspruchsvollere, weil kritischere Einführung zu Gramsci. Zeichnet gut die Verwendung des Hegemoniebegriffs in der Linken vor Gramsci nach und beeinhaltet einige innovative, kritische Einsichten zu seiner Hegemonietheorie. Leider vergriffen aber antiquarisch oder in Bibliotheken noch verfügbar.

 

 

Zu den Begriffen – Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus.

Haug, Wolfgang Fritz (Hg.) (1994ff). Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Hamburg.

Im historisch-kritischen Wörterbuch (herausgegeben von Wolfgang Fritz Haug) finden sich zahlreiche Einträge zu Begriffen aus Gramscis Hegemonietheorie. Darunter fallen nicht nur der Kernbegriff „Hegemonie“, sondern auch „Alltagsverstand“, „Intellektuelle“ oder „Gramscismus“. Leider sind noch nicht alle Bände erschienen (momentan steht man erst bei dem marxistisch überaus bedeutsamen Buchstaben K), soweit möglich sollte man aber auf die Einträge zurückgreifen um ein tieferes Verständnis der Hegemonietheorie zu gewinnen.

 

 

Zur Einbettung – Westlicher Marxismus

Anderson, Perry (1978). Über den westlichen Marxismus, Frankfurt am Main.

Dieser kleine Klassiker, ebenfalls von Perry Anderson, eignet sich hervorragend um Gramscis Denken in den zeitgenössischen Kontext zu stellen. Anderson entwickelt in dem Buch eine Charakterisierung des westlichen Marxismus, unter den er auch Gramsci fasst. Ob diese Zuschreibung passend ist mag jedeR selbst entscheiden, auf jeden Fall ist das Büchlein absolut lesenswert.

 

 

Mit Gramsci arbeiten

Merkens, Andreas/Rego Diaz, Victor (Hg.)(2007). Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg.

Der beste Startpunkt für alle die mit Gramscis Hegemonietheorien arbeiten wollen ist zweifellos dieser Sammelband. Zahlreiche Aufsätze nähern sich der Theorie von unterschiedlichen Seiten und durchaus auch kritisch. Was man sich aber nicht von diesem Buch erwarten sollte sind aber: fertige Rezepte. Dafür hilfreiche Anregungen die beim eigenen Arbeiten mit Gramscis Hegemonietheorie weiterhelfen.

 

 

Gramsci zu Erziehung und Bildung

Merkens, Andreas (2004). Erziehung und Bildung im Denken Antonio Gramscis. Eckpunkte einer intellektuellen und politischen Praxis, in: ders. (Hg.): Antonio Gramsci. Erziehung und Bildung. Gramsci Reader, Hamburg, 6-46.

Wer zur Bedeutung von Erziehung und Bildung bei Gramsci arbeiten möchte ist mit diesem Band gut bedient. Er besteht aus einer ausführlichen Einleitung sowie allen wichtigen Textstellen aus den Gefängnisheften zu dem Thema.

 

Weitere Texte zur Hegemonietheorie und Antonio Gramsci

Anmerkung: Viele dieser Texte sind – den Zugang vorausgesetzt – über http://jstor.org oder sonstige elektronischen Zeitschriftenkataloge verfügbar.


Buttigieg, Joseph A. (1986). The Legacy of Antonio Gramsci, in: boundary 2, Vol. 14, No. 3, 1-17.

 

Buttigieg, Joseph A. (1990). Gramsci`s Method, in: boundary 2, Vol. 17, No. 2, 60-81.

 

Bates, Thomas R. (1975). Gramsci and the theory of hegemony, in: Journal of the History of Ideas, Vol. 36, No. 2, 351-366.

 

Hawley, James. P (1980). Antonio Gramsci`s marxism: Class, state and work, in: Social Problems, Vol. 27, No. 5, 584-600.

 

Jacobitti, Eduard E. (1980). Hegemony before Gramsci: The Case of Benedetto Croce, in: The Journal of Modern History, Vol. 52, No. 1, 66-84.

 

Landy, Marcia (1986). Culture and Politics in the Work of Antonio Gramsci, in: boundary 2, Vol. 14, No. 3, 49-70.

 

Morera, Esteve (1990). Gramsci and Democracy, in: Canadian Journal of Political Science/Revue canadienne de science politique, Vol. 23, No. 1, 23-37.

 

Nun, José (1986). Elements for a Theory of Democracy: Gramsci and Common Sense, in: boundary 2, Vol. 14, No. 3, 197-229.

 

Salamini, Leonardo (1975). The Specificity of Marxist Sociology in Gramsci`s Theory, in: The Sociological Quarterly, Vol. 16, No. 1, 65-86.

 

Zusammenstellung: Martin Bartenberger
Stand: 2010

 

Arbeitskritik. Begriffliche und historische Hinterfragung eines alltäglichen und scheinbar natürlichen Konzepts

Unsere Sprache sagt nicht nur viel über unser Denken aus, sie zeugt manchmal auch von breiteren historischen Veränderungen, die unsere gesellschaftlichen Daseinsformen betreffen. Hierfür gibt es wohl kein besseres Beispiel als die Entwicklung des Begriffs „Arbeit“. Heute ist dieses Wort die Bezeichnung für eine sozial gültige Tätigkeit im engeren Sinn, also meist „Erwerbsarbeit“. Sein Verwendungsfeld dehnt sich aber immer weiter auf Bereiche aus, die weit über diese Definition hinausgehen. So ist bei der Erbringung von intellektuellen Werken von „der Arbeit“ die Rede, zum Beispiel von der „Schularbeit“. Noch viel persönlicher und extensiver sind neue Wortkombinationen wie „Beziehungsarbeit“ oder „Emotionsarbeit“. Der Arbeitsbegriff (nicht nur die reale Tätigkeit dahinter) ist aber auch ein umkämpfter: Die „Hausarbeitsdebatte“, die Frage nach der Definition und Wertung der mehrheitlich von Frauen erbrachten Reproduktionstätigkeiten, kann als ein zentrales Diskussionsfeld neuerer feministischer Bewegungen betrachtet werden. Eines wird schnell klar – „Arbeit“ ist ein hochrelevantes und weltweit durchgesetztes Konzept, das allerdings wenig hinterfragt wird.

Es mag verwundern, dass die breite Bedeutung des Begriffs eigentlich relativ jung ist. Ursprünglich war der Wortstamm (vgl. auch „labor“, „travail“, „rabota“) nämlich nicht Überbegriff für alle nur denkbaren Tätigkeiten, sondern vorbehalten für Tätigkeiten, die große Mühe, Qual, Kummer, Schmerz und Unterwerfung mit sich brachten. Erst allmählich wurde „Arbeit“ für spezifische Tätigkeiten von HandwerkerInnen1 verwendet. Die Durchsetzung des Wortes auch für Kopfarbeit ist in Verbindung zu setzen mit der modernen Teilung von Kopf- und Handarbeit, die in der Industriellen Revolution vollendet wurde. Eine allmähliche Totalisierung des Arbeitsbegriffs kann also in gewisser Weise parallel zur historisch-gesellschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus gedacht werden. Überspitzt gesagt, hat sich das Bedeutungsfeld von geknechteter und mühseliger Tätigkeit absolut verallgemeinert, so dass heute potenziell jede Tätigkeit darunter fällt. Die gleichgemachte Arbeit als zentrales Unterdrückungsmoment der Moderne zu verstehen, ist also begrifflich nicht so weit hergeholt – mag dies auch den meisten vorerst sehr seltsam erscheinen.

„Arbeit ist scheiße?“

Nun ist es natürlich nicht so, dass die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit eine konfliktfreie gewesen wäre. Abseits einer hegemonial werdenden „protestantischen Arbeitsethik“, die als frühe Durchsetzungsideologie des Kapitalismus gelten kann, gab es zahlreiche Widerstandsmomente und Kämpfe gegen die Zumutungen jener gesellschaftlichen Vereinheitlichung, die Arbeit bedeutete. In gewisser Weise können die verschiedenen frühen sozialen Bewegungen gegen die Modernisierung (von deutschen Bauernrevolten, bis Levellers/Diggers zu Ludditen) auch als Kämpfe gegen den Zwang der sich ankündigenden modernen Arbeitsverhältnisse verstanden werden.

Denn diese „gleichgemachte“ Arbeit, das ominöse begriffliche Etwas, unter dem beinahe alle Tätigkeit subsumiert wird, trat schließlich zu Beginn nicht so frei auf, wie sie es heute (in den westlichen Ländern zumindest) tut: „Arbeitshäuser“, die als unmittelbarer Zwang durch aufstrebende kapitalistische UnternehmerInnen1 und Repression eines zunächst absolutistisch-durchrationalisierenden Staats entstanden sind, zeugen davon. Die Durchsetzung der Arbeit war eine blutige, dennoch präsentiert sie sich heute als das Natürlichste und Freieste überhaupt – denn wer würde schon von sich behaupten, dass sie/er nicht arbeiten wolle? Eine unlösbare historische Paradoxie? Nein, denn gerade die weitere Entwicklung der Widerstandsbewegungen gegen das herrschende Regime liefert den Schlüssel für das Verständnis des Rätsels. Mit der organisierten ArbeiterInnenbewegung entstand erstmals eine Instanz, die den Unterdrückten nicht nur Organisation, sondern auch eine politische Subjektivität gab. Damit wurde zwar die schlimmste Not der ArbeiterInnen gelindert, ja schließlich sogar eine Teilhabe am bürgerlichen Staat erkämpft. Gleichzeitig kam es jedoch zu einer Festigung der allgemeinen Unterwerfung unter den Arbeitszwang – war doch der eigene Status als ProletarierIn Ausgang aller Emanzipationsüberlegungen.

Die implizite kategoriale Ablehnung von Arbeit, die sich früher noch mit der moralischen Kritik der Arbeit(sverhältnisse) vermengte, wurde immer mehr zugunsten einer moralischen Kritik des Klassenverhältnisses beziehungsweise der Ausbeutung durch die KapitalistInnen aufgegeben. Die ArbeiterInnenbewegung war, trotz zahlreicher Brüche und Widersprüche, eine Bewegung für die Arbeit. So wurde schlussendlich – und die Sozialdemokratie ist lebender Beweis dafür – der Widerstand gegen das System selbst Teil des Systems.

Für eine kategorische und radikaleArbeitskritik

Das Problem an der moralischen Arbeitskritik, wie sie in der ArbeiterInnenbewegung vollendet ist, ist also nicht nur ihr historisches Scheitern, sondern eben ihre ideologische Wirkung: Da sie kategorial zu kurz greift, verdeckt sie die tatsächliche Tragweite des Problems. Die Arbeitskategorie kann nämlich keine Grundlage für Emanzipation sein, da sie selbst für KnechtInnenschaft und Unterdrückung steht – auch wenn dies heute nicht (mehr) so klar ersichtlich ist. Kategorische Kritik muss sich – so verrückt dies klingt – gegen Arbeit selbst wenden.

Mit der Kritik der politischen Ökonomie kann theoretisch angeknüpft werden. Denn der Arbeitsbegriff hat seine hegemoniale Wirkung als Überbegriff nicht bloß einfach so oder weil es praktisch ist, alle Tätigkeiten unter einen Hut bringen zu können. Diese begriffliche Dimension kann nur gemeinsam mit der historisch-realen Entfaltung von Arbeit verstanden werden: Arbeit meint tätig sein für die Reproduktion des Kapitalismus, das heißt (Mehr-)Wert schaffende Tätigkeit. Marx führte hierfür einen doppelten Arbeitsbegriff ein: „Abstrakte Arbeit“, die Wert schafft und „konkrete Arbeit“, die für die spezifische Tätigkeit selbst steht. Nun kann mit Hinblick auf die totalisierte und globalisierte Waren produzierende Gesellschaft gesagt werden, dass beide Seiten eigentlich nicht scheidbar sind, und die von der Abstraktion determinierte Arbeit, der vollendete (Selbst-)Zweck der Wertschaffung, absolute Dominanz erlangt hat. Nicht nur über den Arbeitsprozess im engeren Sinn, sondern über das Leben der Menschen schlechthin. Nur von dieser Basis ausgehend lässt sich die heute überbordende (metaphorische und symbolisch vielschichtige) Bedeutungsmacht des Begriffs denken. Dieser ist eben mehr als ein bloßer Begriff, er ist eine Real-Abstraktion – die allgemeine Abstraktheit muss gemeinsam mit ihrer realen, historischen Funktion gedacht werden.

Daraus folgt ein komplexes Netz notwendiger Widersprüche für (linke) Theorie und Praxis – und vor allem die schwierige Konsequenz: Wir müssen Arbeit als solche radikal hinterfragen und auf eine Abschaffung hinstreben. Das heißt natürlich nicht, dass die darunter verstandenen Tätigkeiten allesamt abgeschafft werden sollten. Es bedeutet aber, dass ihre herrschende historische Möglichkeits- und Denkform selbst abgelehnt werden muss. Diese arbeitskritische Position konnte hier freilich nur angeschnitten werden – vielleicht hat sie der einen oder dem anderen LeserIn aber Lust auf mehr gemacht (siehe Literaturtipp). Schwierig ist allerdings auch die praktischeUmsetzung. Denn auf der Basis von Arbeit ist nicht nur keine Befreiung möglich; emanzipatorische AkteurInnen müssen sich auch der widersprüchlichen Konsequenzen bewusst sein, welche sich hieraus für ihre „eigene Arbeit“ ergeben.

Literaturtipp zum Weiterlesen:

Gruppe Krisis: Manifest gegen die Arbeit. http://www.krisis.org/navi/manifest-gegen-die-arbeit

1 Obwohl eine geschlechtergerechte Form gewählt wurde, muss an dieser Stelle auf den geringen Anteil von Frauen in der erwähnten Berufsgruppe hingewiesen werden.

 

Autor: Elmar Flatschart, 2010.

Erschienen in Unique.

Siehe http://www.univie.ac.at/unique/unique/index.php/schwerpunkt/1372-1002-arbeitswut/2238-arbeitskritik-

Weihnachtskritik = Religionskritik = Gut?

Oder: Warum einfache Gleichungen meist gar nicht so einfach sind

Vor mehr als 150 Jahren schrieb ein Mann mit langem weißen Bart: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“1 Obwohl dieser Mann oft mit der Farbe Rot assoziiert wird, handelt es sich nicht um den Weihnachtsmann. Auch hat der Mythos, welcher von ihm ausging, eindeutig mehr Wahrheitsgehalt als jener um Santa Claus. Nun gilt es, jedwede Mythologie beständig zu hinterfragen und Weihnachten scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, um dies zu tun. Zuerst stellt sich die Frage: Ist Weihnachten überhaupt noch ein Fest der Religion? Die Kritik an Kommerz, Spektakel und Leerheit des „Weihnachtsgedankens“ wird immer lauter und kommt aus verschiedensten Ecken der Gesellschaft. Diese Wahrnehmung ist so weit verbreitet, dass sich gar unheimliche Gemeinsamkeiten auftun zwischen jenen, die für und wider das Jesuskind streiten : In der Kulturkritik am „amerikanisierten“ Weihnachten treffen sich religiös/spirituell Motivierte mit KämpferInnen gegen den Kapitalismus. Scheinbar fallen der Standpunkt der Kritik der Religion und ihrer Verteidigung zusammen und bilden ein Ressentiment, das durch breite Schichten der Bevölkerung geht. Bloß: Es ändert nichts. Weihnachten bleibt wie es ist. Eine paradoxe Mischung aus nicht einholbaren Erwartungen und der schnöden Realität des Kaufens und Schenken(müssen)s.


Auf zur Religionskritik!

Beide Punkte, die ideologische Verkehrung und die von ihr sehr offen divergierende Realität, schreien nach einer Erklärung. Es bietet sich hier an, bei dem Grundgedanken zu beginnen, der zumindest für Linke viel zu unhinterfragtes Essential ist: Was bedeutet es, dass die Kritik der Religion Voraussetzung aller Kritik ist? Damit gemeint ist nämlich nicht einfach (nur), dass Religion zu kritisieren ist. Gesagt wird, dass es sich dabei um eine Vor‐Aussetzung handelt, etwas, das eben zeitlich, aber auch inhaltlich, vorauszugehen hat. Es war dies freilich das große Steckenpferd der Aufklärung, dass die alte Welt des Glaubens an übernatürliche Determination zerschlagen wurde. Nicht mehr die Religion sollte das herrschende Bindeglied von Gesellschaft sein, sondern Vernunft. War das im 19. Jahrhundert noch nicht zu Ende gebracht, so kann das vom 20.Jahrhundert mit Fug und Recht behauptet werden. Religion bleibt zwar ein wichtiger ideologischer Apparat, sie ist jedoch in vielen Teilen der Welt kein gesellschaftsordnender Faktor mehr. Sie wurde quasi aus dem Öffentlichen ins Private verschoben und reüssiert hier heute auf dem postmodernen Markt der Identitäten als eine neben anderen identitätsstiftenden Instanzen. Religion zu kritisieren ist also weiterhin legitim, es sollte jedoch der neue Kontext, in dem diese Kritik sich bewegen muss, berücksichtigt werden. Eine aufklärerische Kritik, die der Religion bloß die Vernunft gegenüberstellt und die
Meriten der modernen verwissenschaftlichten Welt hochhält, greift deshalb zu kurz. Einerseits übersieht sie die historische Veränderung, welche die gesellschaftliche Rolle der Religion durchgemacht hat – es kann nicht die eine, „objektive“ Kritik geben, sondern Religionskritik muss zuerst Kritik der gesellschaftlichen Funktion von Religion sein. Andererseits muss auch ideengeschichtlich weitergefragt werden, nämlich ob nicht der Standpunkt der Kritik selbst kritisiert werden
sollte. Denn es stimmt zwar, dass die Kritik aller vormodern‐religiösen Sinnsysteme eine notwendige Voraussetzung jedweder Emanzipation ist – in ihnen gibt es schlicht keinerlei Selbstbestimmung der Menschen, nur Schicksal. Allerdings heißt das nicht, dass dabei stehen zu bleiben ist. In vielerlei Hinsicht stellt die aufklärerische Vernunft selbst eine neue, religionsartige Ideologie dar und erfüllt so eine herrschaftslegitimierende Aufgabe2. Zweifelsohne wäre es falsch, den „Glaube an die Vernunft“ mit jenem an Gott gleichzusetzen. Die durch aufklärerische Vernunft vermittelte Herrschaftslogik verläuft in einer komplexen Verkehrung, die als „Dialektik der Aufklärung“3 fassbar ist – als gleichzeitiger Prozess der Emanzipation und Unterwerfung unter eine „instrumentelle Rationalität“, wie sie für das moderne warenproduzierende Patriarchat kennzeichnend ist. Es ist also dieser kleinste gemeinsame Nenner einer Identitätslogik der Ware, der uns in der Form der Vernunft begegnet, die strukturell männlich ist. Alle darin nicht aufgehenden Elemente des Sozialen werden abgespalten, als natürlich, inferior oder schlicht nicht bezeichenbar markiert, um schließlich als „das Andere“ projiziert zu wer‐den. Klassisch hat für diese widersprüchliche „Sphärenteilung“, die gleichzeitig auch eine Art von Arbeitsteilung ist, vor allem „die Frau“ herhalten müssen. Religionskritik, die nicht gleichzeitig Gesellschaftskritik ist und die Dialektik der Aufklärung nicht mitdenkt, tendiert folglich dazu, ideologisch zu werden. Eine gesellschaftskritische Position, die nicht die spezifisch modernen Mystifikationen avisiert, läuft hingegen Gefahr zu bloßem Moralismus zu degradieren. Kapitalismus ist für sie nur deshalb schlecht, weil er schlechte Phänomene produziert, aber nicht, weil er auf einem grundverkehrten Prinzip beruht. Soweit, so philosophisch.

Was lässt sich hiermit nun unter dem Christbaum anfangen?
Wie es sozial wirkmächtige Rituale so an sich haben, kommt es auch bei diesem zu einer Kulmination gesellschaftlicher Widersprüche. Das „Fest der Stille“ soll aus dem kapitalistischen Alltag reißen und eben jene (abgespaltenen, oft auch „weiblichen“ ) Seiten betonen, die für gewöhnlich zu kurz kommen: Intensive soziale Interaktion im Kreis der Nahestehenden (zumeist Familie), Ruhe und Besinnung (oft in Verbindung mit Spiritualität) und rituelle Reproduktion der eigenen kulturellen Identität (die durchwegs völkischkonservativ aufgeladen ist). Dass dies aber meistens nicht funktioniert, im Gegenteil oft in Entmutigung, Familientragödie oder anderen psychischen Ausnahmezuständen endet, wird nun im „Massenbewusstsein“ so verarbeitet, dass das eigene Scheitern dem vermeintlich Anderen, Kommerziellen – sinnbildlich: dem Coca‐Cola‐Weihnachtsmann – in die Schuhe geschoben wird. Und dies trifft eben nicht nur für die VerteidigerInnen der Religion zu, sondern auch für ihre KritikerInnen. Die ach so vernünftige, atheistische, vielleicht sogar linkspolitische Position fühlt sich weit erhaben über all das, was Weihnachten bedeuten soll. Sie kritisiert wahlweise Religion oder Kapitalismus, verkennt aber deren innere Gemeinsamkeit. Meine These ist, dass das Scheitern an dem Ritus Weihnachten ein viel breiteres Phänomen ist, als es seine GegnerInnen wahrhaben wollen. Denn viele sind mit der sozialen Praxis Weihnachten sozialisiert, die (oft fremden) Erwartungen, aber auch (ganz eigenen) Bedürfnisse
sind tief verwurzelt. Wir gehen nur unterschiedlich damit um. Letztlich gibt es auch keinen „richtigen“ Umgang mit Weihnachten. Es gibt notwendige Kritik, beispielsweise an dem bigotten Familien‐Kitsch, in dem vielfach ein altes (strukturell patriarchales) Familienideal gegen die Realität der neuen Patch‐Work‐Familien ausgespielt wird. Nicht nur als Ideologie ist dieser zu kritisieren, sondern auch auf Grund des Leides, das dadurch alljährlich entsteht. Es sollte aber auch hinter die Ideologien (von Religion und Vernunft) geblickt werden, denn dort befinden sich basale Bedürfnisse der Menschen, die in der herrschenden Gesellschaftlichkeit kaum einlösbar sind. Sie werden von ApologetInnen der Vernunft wie auch der Religion nicht ihrem eigentlichen Gehalt nach gesehen. Denn die Bedürfnisse nach Emotionalität (die allzu oft in Spiritualität eskamotiert werden), nach ehrlichen und nahen sozialen Bezügen (die im Korsett Kleinfamilie schon immer zum Scheitern verurteilt waren) und ja, selbst nach sinnvollen gesellschaftlichen Ritualen, sollten nicht ignoriert, sondern als normatives Ziel von Gesellschaftskritik ernst genommen werden. Weihnachten ist nicht zu retten, wie auch die Gesellschaft, die es hervorbringt. Aber gerade deshalb ist es als Phänomen auch nicht zu ignorieren, sondern kritisch aufzugreifen. Denn es bleibt letztlich niemandem erspart, persönlich einen erträglichen Umgang mit Weihnachten zu finden.

Anmerkungen

1 Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 378

2 Ein Literaturtipp für eine kontroverse Position zum Thema: Robert Kurz: Blutige Vernunft. Horlemann.

Bad Honnef 2006

3 Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Suhrkamp.

Frankfurt/Main 2006

 

Autor: Elmar Flatschart, 2009.

Erschienen in Unique:

 

Siehehttp://www.univie.ac.at/unique/unique/index.php/schwerpunkt/1314-besinnungslos/2159-weihnachtskritik-religionskritik-gut

Knoll, Heiko (2009) "Zur Dialektik von Theorie und Praxis bei Theodor W. Adorno"

„Gibt es Freiheit im Denken und Handeln nur noch in der Kunst? Kontrahenten haben die Kritische Theorie Theodor W. Adornos in den vergangenen Jahrzehnten auf diese negative Weltsicht reduziert. Dabei sahen sie über seine dialektische Argumentationsweise schlicht hinweg und reduzierten sein Denken unangemessen einseitig. So erschien Adornos Position zu Theorie und Praxis als offensichtliche Schwachstelle seiner Kritischen Theorie. Heiko Knoll sucht nach dem Kern von Adornos dialektischer Argumentationsweise und weist deren Struktur und Inhalt in seinen Aussagen zu Theorie und Praxis nach. Nachdem der Streit über die tatsächlichen politischen Folgerungen von Adornos Aussagen abgeebbt ist, ergibt sich daraus ein neues Bild von einem großen Denker des 20. Jahrhunderts.“ (Quelle: s.u.)

  • Knoll, Heiko (2009) „Zur Dialektik von Theorie und Praxis bei Theodor W. Adorno“, Marburg: Tectum

 

Die Dissertation, auf der das Buch basiert, gibt es hier zum Download:

http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=975919067&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=975919067.pdf

Müller, Stefan (Hg.) (2009) "Probleme der Dialektik heute"

„Die Frage ‚Was ist Dialektik‘ wirft bis heute Unklarheiten auf, zuweilen auch erhebliche Kontroversen und Ärgernisse. Aus der Perspektive der älteren Kritischen Theorie zeigt sich, dass verbindliche Angaben über Ziel und Reichweite, Inhalt und Form, Anspruch und Wirklichkeit, Genesis und Geltung einer sozialwissenschaftlich relevanten Dialektik durchaus gegeben werden können. Größe und Grenzen einer reflexiven, vermittlungslogischen Dialektik im Anschluss an Hegel und Adorno werden genauer betrachtet, dargestellt und diskutiert.“ (Quelle: s.u.)

  • Müller, Stefan (Hg.) (2009) „Probleme der Dialektik heute“, Wiesbaden: VS. Verlag für Sozialwissenschaften

Voigts, Hanning (2010) "Entkorkte Flaschenpost"

„Die studentische Protestbewegung der sechziger Jahre formulierte das politische Ziel einer sozialen Revolution. Viele der aktiven Studierenden in Deutschland wie den USA orientierten sich dabei an der Kritischen Theorie Herbert Marcuses und Theodor W. Adornos, die deshalb oft zu den „Vätern der Revolte“ erklärt wurden. Dabei waren beide Philosophen völlig zerstritten, was die Bedeutung der „Neuen Linken“ betraf – während Marcuse die Bewegung begrüßte, war Adorno eher skeptisch, ob sie eine progressive politische Rolle spielen würde. Die vorliegende Studie untersucht die politischen und theoretischen Hintergründe dieser unterschiedlichen Einschätzungen. In der Diskussion um das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, Emanzipation und Gewalt erweisen sich Adorno und Marcuse dabei trotz aller Gemeinsamkeiten als Antipoden, besonders in der Frage nach dem Zusammenhang von Kritischer Theorie und politischer Praxis.“ (Quelle: s.u.)

  • Voigts, Hanning (2010) „Entkorkte Flaschenpost. Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und der Streit um die Neue Linke“, Berlin/Münster/Hamburg/London: LIT