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Nieder mit der Realität! Plädoyer für eine empirische Politikforschung

Immer noch zeigt sich im Studium der Politikwissenschaft eine große Gleichgültigkeit gegenüber den Voraussetzungen des wissenschaftlichen Forschens. Methoden werden auswendig gelernt und dann so gut es eben geht in eine Arbeit zwischen theoretischen und praktischen Teil gezwängt. Was heute zur Glaubensfrage hochgespielt wird – qualitative oder quantitative Methoden – stellte sich für die Politikwissenschaft lange gar nicht, da sie sich nicht als empirisch arbeitende Disziplin verstand. Politikwissenschaft war philosophische Reflexion über Politikfragen oder rechtswissenschaftliche Staatslehre – „bewährte hermeneutischgeisteswissenschaftliche Forschung, die schriftliche Primär- und Sekundärquellen aller Art anhand von persönlichem Hintergrundwissen auswertet.“ (Flick et. al. 1995: 54)

Zwischen der Front positivistischquantitativer Forschung gegen geistes- und rechtswissenschaftliche Hermeneutik war für qualitative Ansätze wenig Platz. Aber trotz der gewachsenen Akzeptanz für qualitative Ansätze heute, wird ihr kritisches Potential bestenfalls hingenommen, anstatt sich über ihren Gebrauch Gedanken zu machen. Woran aber die Politik-Forschung (immer noch!) ganz grundsätzlich krankt, sind zwei fundamentale Irrtümer. Der eine Irrtum liegt darin, anzunehmen, dass es eine widerspruchsfreie und im Grunde unveränderbare Realität gäbe. Der zweite, dass diese Realität erkennbar und analysierbar sei. Das Betreiben der Forschung besteht somit darin, Hypothesen mithilfe aller Arten von Methoden an einer – für wahr und konsistent angenommenen – Wirklichkeit zu prüfen. Ein solches Vorgehen befindet sich, vom heutigen Stand der Philosophie aus gesehen, in einer vergangenen Epoche. Was einer solchen These vorangeht, ist die von Kant aufgeworfene Differenz zwischen der Erfahrung der Dinge und den Dingen an sich. Wie mit dieser Differenz umgehen? Wenn die zu erkennende Wirklichkeit immer nur eine Wirklichkeit für uns sein kann, welchen Sinn hat es dann noch, Wissenschaft zu betreiben?

Nietzsche ist womöglich der erste, der dafür plädiert, diese Differenz einfach auf sich beruhen zu lassen. Im 16. Aphorismus von Menschliches, Allzumenschliches – „Erscheinung und Ding an sich“ – gibt Nietzsche einige Reaktionsweisen auf dieses Dilemma. Sich auf eine „schauerlich geheimnisvolle Weise zum Aufgeben unseres Intellects“ [sic] (Nietzsche 1999: 37) gedrängt zu fühlen, sich in das Unerkennbare zu stürzen und selbst wesenhaft zu werden – der dionysische Rausch – ist die eine Option. Eine andere wäre, „anstatt den Intellect als Schuldigen anzuklagen, das Wesen der Dinge als Ursache dieses thatsächlichen, sehr unheimlichen Weltcharakters anzuschuldigen“ [sic] (ebd.). Die Reaktion, für die Nietzsche nun plädiert (nicht dass er die anderen Optionen nicht ausprobiert hätte), ist sich mit der Welt als Resultat aus einer Menge an Irrtümern und Phantasien abzufinden. „Von dieser Welt der Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft thatsächlich nur in geringem Maasse zu lösen – wie es auch gar nicht zu wünschen ist –, insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten der Empfindung nicht wesentlich zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der Entstehung jener Welt als Vorstellung ganz allmählich und schrittweise aufhellen – und uns wenigstens für Augenblicke über den ganzen Vorgang hinausheben. Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines homerischen Gelächters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer ist.“ [sic] (ebd.)

Die Frage nach den Dingen-an-sich auf sich beruhen zu lassen, bedeutet, nun die Unbekümmertheit gefunden zu haben, die es braucht, um zu analysieren. Erst die Verabschiedung von jeder metaphysischen Norm und allen Unveränderlichkeiten ermöglicht es, die Dinge und die wissenschaftlichen Daten zu drehen und zu wenden. Was dabei zum Vorschein kommt, sind nicht ihre Ursprünge und Notwendigkeiten, sondern die Zufälligkeit und die kleinen Unstimmigkeiten, Brüche und Risse und alles andere als Unveränderbarkeit. In eben diesem Sinne verstehe ich auch Adornos Begriff von Deutung als die Aufgabe von Philosophie: dabei geht es nicht um die Interpretation, das Aufdecken, die Enthüllung eines verborgenen Sinns. Vielmehr ähnelt philosophische Arbeit dem Rätsellösen. Insofern, als Rätsellösen bedeutet, dass die Elemente des Rätsels experimentell in Beziehung gebracht werden – nicht um eine wahre Bedeutung oder die Lösung des Rätsels, zu erfragen, sondern um erkennen zu müssen, dass das Rätsel sich selbst aufhebt und die Frage verschwindet.

Adorno gibt als Beispiel die Frage um die Warenform: Die Analyse von Marx kann uns den Produktionsprozess erklären und Wert und Tauschwert – was dabei aber zum Vorschein käme, ist, dass es hier um gesellschaftlich und geschichtlich gewachsene Prozesse geht. Die Frage „Was ist die Warenform-an-sich?“ zeigt sich als vollkommen gegenstandslos. Eine solche Wissenschaft ist materialistisch. Sie geht empirisch von den Dingen aus und leitet daraus Theorie ab. Aber sie geht von den Dingen als gewachsene und gewordene aus. Und auch wenn es – folgen wir dem Nihilisten Nietzsche – keinen Sinn hat, den Ursprung, das Ding-an-sich, zu suchen, so ist es doch möglich, die Herrschafts- und Machtstrukturen zu analysieren, die dazu geführt haben, dass sie so und nicht anders geworden sind. Erkenntnis ist somit immer zugleich auch Kritik. „Die Deutung der vorgefundenen Wirklichkeit und ihre Aufhebung sind aufeinander bezogen.“ (Adorno 1990: 338)

Empirische Forschung nun muss eben das leisten können: Die empirisch vorfindbare Welt zu analysieren, bedeutet gleichzeitig, zu zeigen, wie willkürlich sie ist. Und quantitative Forschung eignet sich dazu ebenso gut wie qualitative. Über die eigenen Voraussetzungen reflektieren, heißt für mich also genau das: Die Theorien an der empirischen Wirklichkeit prüfen, die aber leider so widersprüchlich ist, dass es schwer (oder sogar unmöglich?) scheint, etwas konkretes „Wissenschaftliches“ in der Hand zu haben. Das führt m.E. aber nicht zu einer relativistischen Perspektive! Vielmehr geht es darum, die Widersprüche ernst zu  nehmen und sich zu fragen, warum und woher sie auftauchen.

Umfragen etwa sind ein gutes Beispiel, bei dem sich die Frage stellt, wie glaubhaft Antworten auf einen standardisierten Fragebogen sind. Klingen doch Antworten in einem persönlichen Gespräch oder einem qualitativen Interview oftmals ganz anders.  Abgesehen davon, wie Fragen gestellt werden, gehen standardisierte Fragebögen davon aus, dass die Antwort so stimmt, wie sie gesagt wird, dass bestimmte Sätze in Kategorien eingeteilt werden können. Die Antwortenden sind in der Rolle der Passiven. Und aus dieser Rolle der Passiven, der Regierten, kommen auch die Antworten. Oder die Wahlentscheidung bei demokratischen Wahlen. Hinter der Art, den Fragebogen zu erstellen, zeigt sich eine bestimmte Theorie über die Realität der Welt, der Kategorien und der Menschen.

Man kann sich über die Rolle der Politikwissenschaft streiten. Wenn sie aber eine andere sein soll, als die von Politikberatung oder Forschung am Markt der Wählerströme, muss sie sich über die Voraussetzungen ihres Wissens im Klaren sein. Wer Otto/ Frieda NormalverbraucherIn leid ist, sollte an die Abschaffung der Standardnormalverteilung denken. Dass Menschen in sozialwissenschaftlichen Fragebögen und Nationalstaaten in der Internationalen Politik als konsistente AkteurInnen behandelt werden, ist auch eher eine Notlösung. Empirische Daten, mit all ihren Ungereimtheiten, sollten ernst genommen werden. Das heißt, es sollte spielerischer mit ihnen umgegangen werden.

 

Literatur
Nietzsche, Friedrich (1999): Menschliches, Allzumenschliches. Kritische Studienausgabe Bd. 2, München
Adorno, Theodor (1990): Die Aktualität der Philosophie. Gesammelte Schriften Bd. 1, Philosophische Frühschriften, Frankfurt/M.
Flick, Uwe et. al. (Hg.) (1995): Handbuch Qualitative Sozialforschung, Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. Weinheim

 

Autorin: Therese Fuchs

Erschienen in Politix (29/2011)

"Unibrennt-Bewegung" und die reale existierende universitäre Linke – eine (selbst-)kritische Rekapitulation

Selten bildet die Ausweisung des eigentlichen Motivationshintergrunds den Einstieg ins publizistische Schaffen. Dies bietet sich hier aber an, ist doch der Grund für diesen Artikel die fehlende Behandlung des „brennenden“ Themas in früheren Politix-Ausgaben. Offensichtlich ist unibrennt nämlich nicht nur an mir, sondern auch an anderen Personen und Zusammenhängen, die schon länger im Moloch Universität anzutreffen sind, in eigentümlicher Weise vorübergegangen. Nicht dass jemand die Existenz, die „Highlights“ und die ungefähre Verlaufsform des letzten heißen Herbstes hätte verpassen können – dafür waren die Proteste viel zu sehr in Medien und nicht zuletzt auch im gemütlich von zu Hause konsumierbaren Internet präsent. Trotzdem – oder vielleicht: gerade weil – unibrennt eigentlich offen, leicht zugänglich und in fast schon gespenstischer (weil in größeren Maßstäben funktionierender) Weise „selbstorganisiert“ war, schienen weite Teile der im und um die Universität herum organisierten „Linken“ paralysiert zu sein und wussten oftmals zuerst gar nicht richtig, wie sie mit dem Phänomen umgehen sollten. Dieser Eindruck ergab sich mir aus zahlreichen Gesprächen mit Bekannten und FreundInnen, aber auch dem Verhalten einiger bekannter Gruppen und Zusammenhänge.

Wie kann es nun also sein, dass unibrennt für so viele Menschen mit emanzipatorischen Anspruch ein unbeschriebenes Blatt blieb, die Bewegung weitgehend der „jungen Generation“, dogmatischen Polit-Sekten, einer mehr als laschen österreichischen „Zivilgesellschaft“ und bloß wenigen engagierten Einzelpersonen aus dem Kreis der kritischen Lehrenden und unipolitischer AktivistInnen überlassen blieb?
Die damalige Sonderausgabe der Unique versammelt ein (uni-)politisches Lager mit einer klaren Antwort: die Bewegung war es für „wirklich Linke“ schlicht nicht wert, sich dafür herzugeben. Sie wurde als reduktionistisch, ideologiebefangen und von vorneherein zum Scheitern verurteilt demarkiert. Die Stimmung dieser gerade im ÖH-Umfeld und universitär verorteten Linken alles andere als minoritären Position manifestiert sich treffend in folgender Überschrift eines Artikels aus der damaligen Unique: „Der gefährliche Wahnsinn der ‚Bewegung'“. Ich halte diese Einschätzung für problematisch1. Es liegt mir zwar fern über die Wahrnehmungen einzelner hinwegzugehen, die frustriert von tatsächlichen Versuchen der Partizipation und geschockt von sicherlich zuhauf vorkommenden sexistischen o.ä. übergriffigen Verhaltensweisen einiger PartizipantInnen von der Bewegung abließen. Diese Wahrnehmungen sind ebenso wichtig wie die Ausweisung und Kritik von in der Bewegung existenten ideologischen Formen und anderer problematischer Praxen. Trotzdem ist weder die Diktion noch die Reichweite der Kritik haltbar: Gerade „erfahrene“ AkteurInnen undogmatischer sozialer Bewegungen sollten wissen, dass mit der Größe und Offenheit von Initiativen immer auch der inhaltliche Konsens und die Geschlossenheit der eigenen Reflexions- und Umgangsformen leidet. Die Unibewegung als solches, bzw. ihre Manifestation, die AudiMax-Besetzung, konnte demnach gar nicht als solche ein „linker Freiraum“ sein – dafür war sie zu groß, heterogen und pluralistisch. Sie war jedoch eine Bewegung die zumindest im Kern auf einige progressive Kernelemente baute. Deshalb hätte sie für emanzipatorische AkteurInnen v.a. als ein Residuum kleinteiliger und mühsamer Veränderungsprozesse sein sollen, in der v.a. auch einzelne Individuen und losere Gruppenzusammenhänge „politisch sozialisiert“ werden können. Während orthodox marxistische Organisationen diese Intervention seit jeher sehr pointiert (und borniert) betreiben und auch diesmal wieder präsent waren, schien es weniger dogmatischen, starr organisierten und machtpolitisch kalkulierenden Zusammenhängen schwer zu fallen, Fuß zu fassen.

Anstatt die Bewegung für etwas zu kritisieren, dass sie nicht war und auch gar nicht sein konnte, sollte bei den eigenen Strukturen angefangen werden. Spätestens hier kann auch die berechtigte Frage beantwortet werden: Was hat dies alles in der Zeitschrift des Instituts für Politikwissenschaft verloren?
Einerseits finden die Proteste natürlich in und um das Institut statt. Andererseits muss jedoch die Frage gestellt werden, inwieweit davon geredet werden kann, dass das Institut für Politikwissenschaft in diese Proteste eingebunden war oder ist. Diese Frage stellt sich weniger (alleinig) hinsichtlich der tatsächlich institutionell gebundenen Personen und Strukturen, dem „Lehrkörper“ und der Administration. Sie stellt sich jedoch viel mehr angesichts einer holistischeren Betrachtung des „Mikrokosmos Politikwissenschaft“, denn so gesehen kann das Institut als sozialer Raum und Feld politischer Praxis betrachtet werden. Aus dieser Perspektive kann nur von Tendenzen, (symbolischen) Aufladungen und halbdurchlässigen strukturellen Verstetigungen die Rede sein, präzise – gar wissenschaftliche – Aussagen sind selbst für diesen beschränkten Raum schwer zu erlangen. Nichtsdestoweniger macht es Sinn, dieser Ebene nachzuspüren. Meine These ist hier, dass der „Mikrokosmos Politikwissenschaft“ in den letzten Jahren einen signifikant „linken“ und kritischen Anstrich bekommen hat. Dies äußert sich nicht nur im Lehrangebot und den Lehrenden selbst, sondern ist als „Klima“ spürbar, selbst für Personen (wie mich), die nicht mehr voll im Studium integriert sind, da sie die Querschnittsmasse des/der „VollzeitstudentIn“ verlassen haben. Letztlich denke ich, dass auch der Wechsel der Studienrichtungsvertretung in diesem Lichte zu betrachten ist: die alte Bagru Politikwissenschaft war zwar kritisch und auf ihre Weise wohl auch „links“, allerdings repräsentierte sie in ihrer Ausrichtung zumindest lange Zeit eine relative Distanz vom Mainstream des Studiums (der eben auch nicht so überwiegend „links“ war) und war auch ihrer Organisationsform nach für viele Studierenden wohl wenig einladend. Einzuordnen wäre sie eher in der vorher benannten Position „ÖH-Umfeld und universitär verortete Linke“2, die den Protesten schnell sehr kritisch oder zumindest ratlos gegenüberstand. Die 2009 erfolgte institutsinterne Verschiebung des politischen Mandats der Studienrichtungsvertretung, welche doch eine recht abrupte und deutliche war, illustriert also einerseits eine interne Entwicklung des Mikrokosmos PoWi. Sie hatte aber andererseits auch hinsichtlich der Unibrennt-Bewegung Folgen: die neue Krisp-Führung war den Protesten gegenüber deutlich wohlgesinnt eingestellt und förderte den studentischen Aktivismus nicht nur passiv oder durch partielle Einflussnahme, sondern war (und ist) an seinem Fortgang proaktiv beteiligt.

Manche mögen an dieser Stelle anhalten und vermeinen, dass die Sache damit geklärt ist: es gibt die neuen, „guten“ Strukturen, die es fertigbringen, Teil der Proteste zu sein; und die alten, „schlechten“ universitären Linken, die nicht von ihrem Sessel hochkommen oder die Bewegung bloß von außen aufs giftigste bespeien.

So einfach ist es aber nicht, denn nicht nur ist der Mikrokosmos PoWi als integriert in einen breiteren emanzipativeren Makrokosmos „universitäre Linke“ zu denken; auch ist die Wertung der Positionen schlussendlich nicht zu halten. Spontaner Aktivismus, (dessen) Organisierung und strukturelle Absicherung sind ohne Zweifel wichtige Momente universitärer (und gesamtgesellschaftlicher) Emanzipationsversuche. Sie stellen die im engeren Sinne „politische“ Frage(n), beschäftigen sich mit tagesaktuellen Themen, welche von allgemeiner Bedeutung sind und versuchen in die sogenannten „Kräfteverhältnisse“ einzugreifen. Diese Ausrichtung, in der sich – grob generalisiert – neuere Entwicklungen am Institut und die Machart und Stoßrichtung (eines Gros) der Audi-Max-Bewegung treffen, hat allerdings auch ihre Schwächen und Kehrseiten. Diese lassen sich – nicht zufällig – paradigmatisch im Widerspruch zur Position der etablierten universitären Linken erläutern. Während letztere Zusammenhänge sich durch langjähriges und langsames „Hineinwachsen“ in eine „alternative“ Sozialisierung auszeichnen, beruht die politizistische Strategie auf einer schnellen und themenorientierten Anziehung möglichst vieler Menschen. Dabei kommt es leicht zu einer Art „Durchlauferhitzer-Effekt“: Menschen engagieren sich kurzfristig intensiv und schenken einen großen Teil ihrer (freien) Zeit „der Politik“, um dann nach einigen Wochen oder Monaten völlig ermattet wieder zurück ins „normale Leben“ zu kehren. Eine derartige Politisierung ist nicht nachhaltig, gerade weil sie sich auf die Politik beschränkt und nicht die gesamte Lebensrealität der AkteurInnen verändert. Es geht hier aber nicht nur um Subkultur, denn das Modell Aktivismus in der Politikform ist notwendig auch wenig(er) sensibel für Ideologien, personale Unterdrückungsverhältnisse bzw. Ausschlüsse und distanziertere kritische Betrachtung von Zusammenhängen – hierfür braucht es Zeit, Ruhe und ein geeignetes Umfeld, denn eine diesbezügliche Sensibilisierung, ein derartiges Lernen, setzen eine profunde Veränderung der Einzelnen voraus. Nun kann nicht absolut negiert werden, dass dies auch im Rahmen von politizistischen Netzwerken möglich ist, es ist jedoch durch die starke Formdetermination des „Politischen“ jedenfalls viel schwieriger und in den meisten Situation wohl unmöglich. Die Sozialisierung im mehr oder minder emanzipatorischen Makrokosmos „Universitäre Linke“ (die nicht zuletzt stark auch im Umfeld der diversen ÖH-Strukturen stattfindet) ermöglicht eine graduelle Entwicklung hin zu einer umfassenderen und meist nachhaltigeren linken Identität3. Zweifelsohne ist diese Identität (beständig!) zu kritisieren und zu transzendieren und weist ihrerseits problematische Ausschlussmechanismen und ideologische Verklärungen auf. Sie gewährleistet jedoch eine kontinuierlichere Entwicklung von alternativen Strukturen und Lebensweisen. Sie trägt so letztlich auch zur Veränderung eines (gesamtgesellschaftlichen) Klimas bei bzw. ist der einzige Weg dorthin. Während „Kämpfe“ und „Bewegungen“ in der Politikform aufgehen, sich notwendig mit den Themen oder den mehr oder weniger strukturell eingerahmten „Kampfzyklen“ ein gutes Stück weit selbst erledigen, da schlussendlich nach dem Ende der „Kämpfe“ nur der „harte Rest“ der „BerufspolitikerInnen (oder RevolutionärInnen)“ übrigbleibt, machen gerade Momente, die eigentlich „antipolitisch“ sind, nicht oder nur schwer politisierbar sind und das mehr oder minder sublime „Hintergrundrauschen“ der „articulated politics“ darstellen, die Kontinuität und Dichte von emanzipatorischen Bewegungen aus. Sie prägen nicht zuletzt auch wirklich ernsthafte Politiken, denn nur die ruhigeren Phasen abseits des Aktivismus ermöglichen eine (selbst-)kritische Sondierung und Schärfung der eigenen Vorstellungen und Lebenswelten, was als Voraussetzung für emanzipatorische Politik zu gelten hat. Hierzu kann dann auch das (bedächtig und ausgewählt betriebene) Studium der Politikwissenschaften beisteuern. Für all dies ist die allzu starke Fokussierung auf den Aktivismus bzw. eine politizistische Grundhaltung geradezu hinderlich, weil sie nicht nur zeitmäßig, sondern auch im Bezug auf die (eigenen) Perspektiven von Momenten einer emanzipatorischen Sozialisierung wegführt4.

Diese Ausweisung der Gefahren und strukturellen Selektivitäten eines manifesten linken Aktivismus/Politizismus darf nun aber erneut nicht als Absage an Basisarbeit, Aktivismus und das Agieren in der Politikform schlechthin verstanden werden. Wie schon anfangs gesagt, liegt mir nichts ferner als die zuerst einmal politische und aktionistische „Spitze“ der AudiMax-Bewegung als solche zu desavouieren. Dies Sache ist schlicht so widersprüchlich wie sie klingt: Aktivismus/Politizismus und eine nachhaltige linke Sozialisierung schließen sich punktuell zu einem hohen Grad aus. Trotzdem sind sie aufeinander angewiesen, denn es bedarf nicht nur der – meist nur vermittels spektakulärer und zugespitzter politischer Inszenierungen erreichbaren – Erneuerung und (im Idealfall) Vergrößerung linker Zusammenhänge, auch zeichnen sich soziale Bewegungen natürlich dadurch aus, dass sich etwas bewegt – hierfür bedarf es politischer Impulse von außen, damit etablierte alternative Lebenswelten nicht zu Szenesümpfen verkommen oder in der „Flucht zur Landidylle“ enden. Im Umfeld der akademischen Landschaft lauert außerdem stets auch noch die Gefahr der „Wegetablierung“ in formellen Institutsstrukturen, universitären Leistungsdünkel und dem völlig abgekapselten Elfenbeinturm (Mainstream-wissenschaftlicher, aber auch kritischer) Theorie. Geht der Blick also über die einzelne Situation, einen engen Zeitrahmen und eingegrenzten Raum hinaus, bedingen sich beide Seiten gegenseitig. Auf den Punkt gebracht: Es kommt auf die Mischung, oder besser, die Vermittlung, an.

Durchaus auch selbstkritisch bleibt festzustellen, dass diese Vermittlung vonseiten der universitären Linken schief gegangen zu sein scheint: progressive AkteurInnen, die in irgendeiner Weise institutionell, habituell oder inhaltlich an den sozialen Raum „Universität“ gebunden sind (dies inkludiert natürlich gerade auch wissenschaftliches Personal im weiteren Sinne), haben es nicht geschafft, „longue durée“ und „kurze Wellen“ emanzipatorischer Bestrebungen zusammenzubringen. Welche Gründe lassen sich hierfür finden? Es gibt sicher zahlreiche, aber ich möchte hier vorerst zwei aufwerfen.
Zum einen ist es wichtig Probleme nicht nur personalisiert zu betrachten, sondern in einem breiteren Kontext. Der etablierten universitären Linken mangelt es an Strukturen, die sich bewusst um Vermittlungs- und Vernetzungsarbeit bemühen – sowohl untereinander, als auch nach außen bzw. gegenüber „Bewegungen“ wie unibrennt. Bestehende Netzwerke und Strukturen sind meist nur nach innen gerichtet und dementsprechend „zweckgebunden“. Auf Grund des Mangels funktionierender Transmissionsriemen ist es nur verständlich, wenn sich Einzelne, die mit dem Status Quo eines Nebeneinanders unzufrieden sind, überfordert fühlen und den Anschluss neuer AkteurInnen an bestehende Netzwerke, wie auch die Intervention in die Bewegung(en) nicht zuwege bringen.
Andererseits muss die universitäre Linke aber auch an der Abgeschlossenheit in den Köpfen arbeiten. Wiewohl die Herausbildung einer „alternativen Lebenswelt“ gegenüber bloßem Polit-Aktivismus die oben genannten Vorteile birgt, führt sie zuweilen auch zu dogmatischen Verengungen und Unverständnis gegenüber jenen, die noch nicht Teil der eigenen Zusammenhänge sind, „unreflektiert“ und rücksichtslos erscheinen (und es wohl oft auch sind). Es ginge hier auch darum differenzierte Einschätzungen manchmal vor persönliches Empfinden zu setzen und sich bewusst der „mühsamen“ Widersprüchlichkeit zu stellen, die sich ergibt, wenn Versuche einer gelebten Utopie und die reale Welt da draußen aufeinanderstoßen. Letztlich hat sich schließlich auch der emanzipatorische Gehalt von alternativen Strukturen daran zu messen, wie sehr sich selbige ihrer eigenen Situierung mitsamt der Privilegien, Wissensvorsprünge und erweiterten Lebensperspektiven bewusst sind und gegenüber anderen dessen eingedenk handeln. Dann würden sie ernsthafte AkteurInnen von Bewegungen wie unibrennt für ihren mangelnden Reflexionsstand eher bemitleiden als verteufeln und versuchen, möglichst vielen den Zugang zu der eigenen, „besseren“ Lebenswelt zu eröffnen. Wenn dies nicht gelingt, dann müssen wohl auch diese Lebenswelten selbst hinterfragt werden – auf dass sie besser werden und für möglichst viele ein möglichst gutes und widerständiges Leben ermöglichen.

1 Ebenso problematisch war/ist jedoch viel dessen, was als kritische Reaktion auf die Unique-Ausgabe verlautet wurde. Eine Auseinandersetzung mit der längeren Debatte, die sich in linken Medien zu diesem Thema entspannte, würde diesen Artikel allerdings sprengen.

2 Gleichwohl möchte ich mich dezidiert dagegen verwehren, dass jene Position insgesamt als „anti-deutsch“ zu bezeichnen ist. Diese Benennung mag für die Bagru Powi mehr oder minder zutreffend sein, aber das Feld universitärer Linker, welches ich hier beschreiben möchte geht über eine derartige Ausrichtung sehr weit hinaus und umfasst beträchtliche Teil von feministischen, queeren, „autonomen“, mehr oder minder anarchistischen und an manchen neomarxistischen Positionen orientierte Zusammenhänge (und einiges mehr, dass nicht in diese Schubladen passt, sich z.B. eher soziokulturell definieren ließe). Diese Pluralität findet sich selbst noch in der genannten „Unique“-Ausgabe wieder, weswegen auch hier längst nicht alles über einen Kamm geschert werden kann.

3 Mehr oder minder homogene Identitätskonzepte bleiben meiner Einschätzung nach trotz oder gerade auf Grund der vielbeschworenen Absage an die „Identitätspolitik“ relevant: KritikerInnen identitärer Festschreibungen setzten jene oft nur unbewusster und/oder versteckter um.

4 Dass es hier – wie schon vorweggeschickt – um Tendenzen geht, muss klar sein. Ebenso wie der/die AktivistIn oft einen oberflächlichen (und oft auch kurzen) Shift der Selbstwahrnehmung erfährt, gehen auch hartgesottene „Szene-Linke“ immer mal wieder auf Demos und lassen sich für die eine oder andere spektakuläre Aktion erwärmen. Letztlich sind konkrete Zuschreibungen auf dieser individuellen Ebene auch kaum zu halten.

 

 

Autor: Elmar Flatschart

Erschienen in POLITIX (29/2010)

Dokumentation: Was war links?

Vierteilige Dokumentation über das Jahr 1968 sowie die Frage: Was war links?

Folge 1: Protest und Theorie
Folge 2: Dutschke und Konsorten
Folge 3: Lärm und Gewalt
Folge 4: Kunst und Klassenkampf

Zu Wort kommen u.a. Theodor W. Adorno, W.F. Haug, Oskar Neg, Harun Farocki, Robert Gernhardt, Rüdiger Safranski, Hans Magnus Enzensberger, Klaus Theweleit und Katharina Rutschky.

Vollständig auf YouTube verfügbar unter:

http://www.youtube.com/watch?v=UShGXv2eKxQ&feature=&p=6F3ABB9C87AC9C48&index=0&playnext=1

 

Sendemanuskripte sowie weitere Infos unter http://www.waswarlinks.de

Adorno, Theodor W. (2003) "Marginalien zu Theorie und Praxis"

„Heute wird abermals die Antithese von Theorie und Praxis zur Denunziation der Theorie missbraucht. Als man einem Studenten das Zimmer zerschlug, weil er lieber arbeitete als an Aktionen sich zu beteiligen, schmierte man ihm an die Wand: wer sich mit Theorie beschäftige, ohne praktisch zu handeln, sei ein Verräter am Sozialismus“ (Adorno 2003, 764).

 

Adorno, Theodor W. (2003)Marginalien zu Theorie und Praxis„, in: Adorno, Theodor W. (2003) „Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte, Anhang“, Frankfurt a. M., S. 758-782