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Arbeit ohne Wert: Hausarbeitsdebatte und Gesellschaftskritik

Kaum eine andere Debatte zeigt so gut, wie sehr feministische Problemstellungen gesamtgesellschaftliche Herausforderungen betreffen. Die Hausarbeitsdebatte als nach wie vorb bedeutenden Ausgangspunkt (feministischer) gesellschaftskritischer Interventionen vorzustellen, bildet deshalb das Anliegen dieses Artikels. Welches gesellschaftliche Verhältnis wird mit der Forderung „Lohn für Hausarbeit“ und dem darin problematisierten Verständnis von Hausarbeit als Nicht-Arbeit herausgefordert? Geht es um die kapitalistische Produktionsweise, die sich geschlechtsspezifische Zuschreibungen zur Steigerung von Profit zunutze macht? Oder bezeichnen asymmetrische Geschlechterverhältnisse ein Ausbeutungsverhältnis, das der kapitalistischen Aneignung menschlicher und natürlicher Ressourcen per se zugrunde liegt?

Die für die Hausarbeitsdebatte kennzeichnende Herausforderung bestand insbesondere für marxistisch-feministische TheoretikerInnen darin, eine vermittelnde Antwort für beide Problemstellungen zu finden. Der Hauptstreitpunkt war schließlich, ob eine solche Vermittlung überhaupt möglich bzw. sinnvoll sei. Im Folgenden soll ausgehend von einer ausführlicheren Darstellung des Bielefelder Subsistenzansatzes danach gefragt werden, ob sich eine derartige  Polarisierung der Fragestellung durch eine Fokussierung ihrer politischen Relevanz vermeiden lässt. Politische Grenzziehungen Industrialisierung und Moderne haben ein hierarchisches Verhältnis von produktiven und reproduktiven Tätigkeiten vielleicht nicht erstmals hervorgebracht, jedoch der Entwicklung westlicher Demokratien zugrunde gelegt. Die durch dieses Verhältnis reproduzierte Hierarchie von Tätigkeiten wurde dabei immer auch staatlich reguliert und legitimiert. In der Institution der Ehe wurde die geschlechtsspezifische Auftrennung von öffentlicher bezahlter Produktion und privater unbezahlter Reproduktion normalisiert (vgl. Behning 2004: 193).

Dass die beiden Bereiche nichts Natürliches, sondern durch politisches Handeln hergestellte Grenzziehungen darstellen, zeigt sich nicht zuletzt in der aktuellen Verschiebung und Vervielfältigung dieser Grenzen. Damit soll nicht gesagt sein, dass das in der Kleinfamilie zelebrierte Ideal einer geschlechtsspezifischen Komplementarität von Produktion und Reproduktion jemals ohne Widersprüche existiert hätte. Während Geschlechterrollen auf die dichotome Trennung der beiden Arbeitssphären wie „zugeschnitten“ (ebd.) scheinen, können reproduktive Tätigkeiten durchaus kommodifiziert und produktive Tätigkeiten in den privaten Nahraum verlagert werden. Konstant scheint also weniger eine klar zu treffende Unterscheidung von Produktion/Öffentlichkeit und Reproduktion/Privatheit, denn die Geringschätzung „feminisierter“ Tätigkeitsbereiche zu sein. Ob nicht bezahlt oder schlecht bezahlt macht schließlich kaum einen Unterschied. So sind Frauen* in den ersten Jahren dieses Jahrtausends zwar nicht mehr quantitative, aber doch „qualitative Verliererinnen“ (Notz 2010: 483) am westdeutschen Arbeitsmarkt, wo sie in dequalifizierten Bereichen länger und für weniger Geld und unter oftmals schwerwiegenden psychischen und physischen Belastungen arbeiten (vgl. ebd.).

 

Materialisierung der Ausbeutung

In marxistisch-feministischen Auseinandersetzungen der 1970er und 1980er Jahre ging es zunächst um den theoretischen Nachweis, dass Hausarbeit als produktive Arbeit zu werten sei. So argumentiert etwa Mariarosa Dalla Costa in ihrer richtungweisenden Intervention, dass Reproduktionsarbeit zur Herstellung und beständigen Erneuerung der Ware Arbeitskraft als Quelle von Mehrwert anerkannt werden müsse (vgl. Dalla Costa 1973: 40). Claudia v. Werlhof spricht in diesem Zusammenhang von einer „Materialisierung des Materialismusbegriffs“ (v. Werlhof 1983: 49), die endlich zu leisten sei, wenn man(n) die marxistische Theorie bzw. deren gesamt-gesellschaftlichen Anspruch nicht endgültig aufgeben wolle. Als eine der ersten und bedeutendsten Diskussionen der Neuen  Frauenbewegung thematisierte die Hausarbeitsdebatte das Geschlechterverhältnis explizit als kapitalistisches Produktionsverhältnis (vgl. Baier 2010: 75).

Es wurde versucht zu zeigen, wie „Frauenleben“ (Privatheit, Dequalifizierung, Unterbezahlung, Sexualisierung) ökonomisch ausgebeutet werden. Im Bielefelder  Subsistenzansatz wurde dieser Nachweis radikalisiert und argumentiert, dass ökonomische Ausbeutung prinzipiell entlang vergeschlechtlichter (und also politischer) Achsen organisiert sei. Vergeschlechtlichung meint demnach, dass Arbeitskraft gerade nicht einen neutralen Maßstab bildet, sondern durch spezifische Eigenschaften besonders profitabel wird. Der reproduktive Charakter von Tätigkeiten, so die These, stellt hier einen maßgeblichen Faktor dar.

 

Globalisierte Reproduktion und Hausfrauisierung

Im von v. Werlhof gemeinsam mit Veronika Bennholdt-Thomsen und Maria Mies formulierten Subsistenzansatz wird die Bedeutung der Reproduktion radikalisiert, indem analog zur Hausarbeit auch Subsistenzproduktion (1) in der so genannten „Dritten Welt“ als Grundlage für kapitalistische Verhältnisse fokussiert wird. Reproduktion wird demnach nicht nur in den Haushalten der Industriestaaten verwertet, sondern der globale Süden insgesamt als reproduktive Basis zur Schaffung von Mehrwert entwertet. Die Ausbeutung von Nichtlohnarbeit erfolge auf der Ebene internationaler Arbeitsteilung quasi im Weltmaßstab (vgl. v. Werlhof 1983: 52). Ausgehend von Rosa von Luxemburg und deren Verweis auf die Bedeutung nicht-kapitalistischer Bereiche als Voraussetzung für die Schaffung von Mehrwert, wird eine Parallele zwischen Frauen* und kolonisierten Menschen gezogen: „So ist die männliche Arbeitskraft der ‘3.’ Welt im  Weltmaßstab eine ‘weibliche’, gegenüber der weiblichen aber weiterhin eine männliche. Auch das ist damit gemeint, wenn von ‘sozialer’, anstatt   biologischindividueller Bestimmung des ‘Geschlechts’ die Rede ist“ (ebd.: 54). Sexismus und Rassismus werden also nicht der kapitalistischen Problematik untergeordnet, sondern umgekehrt die kapitalistische Produktionsweise als solche in ihrer sexistischen und rassistischen Dimension analysiert. Subsistenzproduktion sei darum nicht ein Überbleibsel traditioneller Gesellschaften, sondern unmittelbare Lebensgrundlage und Basis kapitalistischer  Warenproduktion.

Während also konventionelle Begriffe von Entwicklung und Unterentwicklung prinzipiell kritisiert werden, konstatiert der Bielefelder Ansatz  schließlich eine generelle Tendenz von Hausfrauisierung als „strukturelle Grundlage für die Entwertung aller [weiblichen] Arbeit im Kapitalismus“ (Baier 2010: 76). Nach v. Werlhof beschreibt eine solche Hausfrauisierung aber nicht eine historisch neue Entwicklungsweise kapitalistischer Vergesellschaftung, sondern die Entwertung der Reproduktion als ihren zentralen Mechanismus. Damit ist schließlich auch die Ausbeutung von Naturressourcen gemeint bzw. von dem, was als „Natur“ verfügbar gemacht wird. So fragt v. Werlhof, ob die Ausbeutung von anscheinend „Natürlichem“ nicht immer schon profitabler gewesen sei. Insofern dem Dualismus von Natur und Kultur eine Geschlechterordnung zugewiesen ist, sei Prekarität für „weibliches“ Arbeiten und Leben prinzipiell bezeichnend (v. Werlhof 1983: 53f.). Weiblichkeit wird dabei aber nicht an biologischen Frauen*, sondern an naturalisierten Lebenszusammenhängen festgemacht.

Der Bielefelder  Subsistenzansatz kann schließlich wie folgt zusammengefasst werden: Während die Produktion von Waren auf die Reproduktion von Leben angewiesen ist und  deshalb Subsistenzproduktion ausgebeutet wird, kommt es zugleich zur Zerstörung ebendieser reproduktiven Basis. Um diese Ausbeutung zu verschleiern, wird Reproduktion (wie auch „männliche“ Lust oder Gewalt) naturalisiert und von gesellschaftlichen Strukturen ausgeschlossen (während etwa „produktive“ Gewalt eingeschlossen wird). Dem entspricht das neuzeitliche dualistische Naturverständnis: Kultur wird im Gegensatz zu Natur gedacht und zur Legitimierung einer  geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung herangezogen. Der globale Süden wird dabei zur Subsistenz-region der Weltwirtschaft und Gewalt gegen Frauen* und kolonisierte Menschen zur alltäglichen Praxis (vgl. Baier 2010: 77). Dieses selbstmörderische Fazit wird jedoch nicht ohne widerständige Hoffnung formuliert.  Denn Subsistenzproduktion sei nicht auf ihre Rolle im kapitalistischen ökonomischen System zu reduzieren. Da sie nicht nur die Ware Arbeitskraft, sondern auch „lebendige Menschen“ (ebd.: 78) herstelle, bilde sie einen möglichen Ausgangspunkt für Widerstand. Die Verallgemeinerung der Subsistenzarbeit wird somit zur politischen Option. Dementsprechend wurde die im Rahmen der Hausarbeitsdebatte vorgebrachte Forderung nach „Lohn für Hausarbeit“ wie die dementsprechende Gleichstellungspolitik von der „Arbeitsgruppe Bielefelder Entwicklungssoziologen“ abgelehnt. Die Gleichberechtigung von Erwerbs- und Familienarbeit würde nicht nur eine Anerkennung der Hausarbeit, sondern auch eine Verfestigung weiblicher Rollenzuschreibungen und der Ausbeutung  reproduktiver Tätigkeiten bedeuten (vgl. Behning 2004: 199).

 

Postindustrielle Wohlfahrt

In frauenpolitischen Kontexten wird heute kaum mehr von Hausarbeit gesprochen. Familienarbeit in Kombination mit Erwerbsarbeit bildet das zentrale Thema. Es ist ein Kampf um Anerkennung der Doppelbelastung durch Familien- und Erwerbsarbeit, etwa durch die Vermeidung hierauf fußender Diskriminierung und  entsprechende Fördermaßnahmen für eine gleichgestellte Partizipation am Arbeitsmarkt (vgl. ebd.: 199). Während die Forderung nach Lohn für Hausarbeit heute veraltet scheint, waren Impulse der Hausarbeitsdebatte für die Entwicklung feministischer Sozialstaatskritik maßgeblich. Im Zentrum dieser Kritik stand der Nachweis, dass Sicherungssysteme auf männliche Lohnarbeit bzw. den Familienlohn eines Ehemanns ausgerichtet und für „weibliche“ Lebenszusammenhänge  diskriminierend sind. Ein solches „Familienernährermodell“ war auch ausschlaggebend dafür, dass Sozialstaatstheorien nur dem Klassenkonflikt, nicht aber der sozialen Ungleichheit im Bereich der Reproduktion Rechnung trugen (vgl. ebd.: 200f.).

Mit der Krise industrieller Erwerbsarbeit, der Globalisierung und Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und der Verabschiedung vom keynesianischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell im neoliberalen Staat wurde schließlich auch das Familienernährermodell fraglich. Auch das ist gemeint, wenn heute von der Erosion der Normalfamilie die Rede ist. Trotzdem ist, nicht zuletzt in Zeiten der Krise, eine Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen zu verzeichnen. Die arbeitsmarktpolitische Inklusion von Frauen* führt also  mitnichten zur Abschaffung geschlechts-spezifischer Arbeitsteilung. Umgekehrt ist, wie im Bielefelder Subsistenzansatz konstatiert, von einer „Feminisierung“ der Erwerbsarbeit zu sprechen.

Geschlechtsspezifische Ausbeutungsverhältnisse sind allerdings entlang einer Mehrzahl von Konfliktlinien zu analysieren, etwa in Bezug auf Ethnizität, Herkunft, Sexualität, Alter und Disability. Dabei bleibt offen, wie der von feministischer Seite geforderte postindustrielle Wohlfahrtsstaat (Fraser) ausschauen könnte. Selbst das Grundeinkommen, das als Lösung gegen fortschreitende Prekarisierung verhandelt wird, „[steht] vor dem Dilemma, die Geschlechtszuschreibung von Arbeitsbereichen nicht aufzulösen“ (Behning: 201). In aktuellen Kontexten von Krise, Schulden und Sparpolitik bleiben feministische Interventionen schließlich von zentraler Bedeutung. Naturalisierungen von Ausbeutung als politische Grenzziehungen Bedenklich ist, dass im politikwissenschaftlichen Mainstream der  vergleichenden Wohlfahrtsstaats- forschung nach wie vor eine Perspektive auf die öffentliche Sphäre dominiert (vgl. ebd.: 196). So können die durchaus variablen Grenzziehungen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wie von Produktion und Reproduktion, nicht als Adjustierungen geschweige denn Grundlage von Macht- und Herrschaftsverhältnissen in den Blick kommen. Dem entgegengesetzt müssen die Fragmentierung von Öffentlichkeit(en) und Privatheit(en) und die Verteilung reproduktiver Tätigkeiten in ihren geschlechtsspezifischen und anderen Dimensionen untersucht werden.

Ein Fokus auf Mechanismen der Naturalisierung könnte dabei zu analytischer Schärfe verhelfen, um unterschiedliche und multidimensionale Achsen der Ausbeutung greifbar zu machen. Werlhofs Begriff von  Naturalisierung als zentraler Mechanismus kapitalistischer Ausbeutung könnte hierbei einen interessanten Ausgangspunkt bilden. Im Subsistenzansatz werden Naturalisierungen auf mehreren Ebenen beschrieben, ohne ein essenzialistisches Verständnis von Geschlecht zu vertreten – denn im Gegensatz zum Geschlecht  sind reproduktive Tätigkeiten konkret fassbar. Zentrale Fragestellungen wären dementsprechend, warum reproduktive Arbeit in Zwangsverhältnissen organisiert wird, wie also Reproduktion entwertet und wer dieser Ausbeutung ausgesetzt wird. Dabei könnte die politische Gestaltung von Reproduktionsverhältnissen in den  Vordergrund treten und Prozesse der Naturalisierung als politische Grenzziehungen verstehbar werden. Politik hat immer auch mit der Regulierung von Reproduktion zu tun. Entscheidend scheint also, wie solche Verhältnisse politisch festgelegt werden und dass immer erst entschieden wird, wer sich welchen  naturalisierten Zwängen zu beugen hat. Die kapitalistische Produktionsweise wird vor diesem Hintergrund als Prozess verstehbar, in dem Zwänge spezifisch verteilt werden. Verhältnisse von Produktion und Reproduktion, in historisch spezifischen Entwicklungsweisen auf bestimmte Art und Weise determiniert, sind demnach Bestandteil von Strategien, der Reproduktion Herr zu werden. Nach wie vor geht es deshalb darum, herrschaftslos über diese Verhältnisse zu entscheiden.

 

(1) Als Subsistenzproduktion wird „die gebrauchswertorientierte, unmittelbar auf die Herstellung und Erhaltung des Lebens gerichtete Arbeit“ (Baier 2010: 76) bezeichnet.

 

Baier, Andrea (2010), „Subsistenzansatz: Von der Hausarbeitsdebatte zur „Bielefelder Subsistenzperspektive“, in: Becker, Ruth; Kortendiek, Beate, Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie (Wiesebaden: VS Verlag, 3. erw. Aufl.), S. 75-80

Behning, Ute (2004), „Arbeit und Arbeitsteilung“, in: Rosenberger, Sieglinde K.; Sauer, Birgit (Hg.), Politikwissenschaft und Geschlecht (Wien: UTB), S. 191-210

Dalla Costa, Mariarosa (1973), „Die Frauen und der gesellschaftliche Umsturz“, in: dies.; James, Selma, Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Internationale Marxistische Diskussion 36 (Berlin: Merve), S. 27-66

Notz, Gisela (2010), „Arbeit: Hausarbeit, Ehrenamt, Erwerbsarbeit“, in: Becker, Ruth; Kortendiek, Beate, Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie (Wiesebaden: VS Verlag, 3. erw. Aufl.), S. 480-488

Werlhof, Claudia v. (1983), „Lohn ist ein ‘Wert’. Leben nicht? Auseinandersetzung mit einer ‘linken Frau’. Replik auf Ursula Beer“, in: Prokla 50, S. 38-58 Schwerpunkt: Arbeit

 

Autorin: Ruth Kager

Erschienen in Politix (31/2012)

2013 Lesekreis: "Feminism As Critique"

CritiqueLesekreis

Die feministische Debatte ist heute stark geprägt von „poststrukturalistischen“ bzw. „dekonstruktivistischen“ Ansätzen, die gerade im deutschsprachigen Raum umfassend mit dem Namen Judith Butler verknüpft sind. Damit einher geht oftmals die Vorstellung, dass Feminismus nur noch in Verknüpfung mit einer performativen Queer-Theorie „zeitgemäß“ zu haben ist. Dieser inzwischen nahezu hegemoniale Trend wird allerdings nicht nur aus „politischen“ Gründen von vielen Feministinnen hinterfragt, es gibt auch zahlreiche theoretische Bedenken. Insbesondere Autor_innen mit materialistischem Background kritisieren dabei v.a. die alleinig „dekonstruktive“ Perspektive auf Geschlecht und vergeschlechtlichte Herrschaft und fordern ein „rekonstruktives“ kritisches Projekt ein, das Herrschafts-verhältnisse auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene verortet.

Der Sammelband „Feminism as Critique“ aus dem Jahr 1987 beweist, dass viele Problemstellungen von damals immer noch Gültigkeit haben, aber auch Debatten eines „rekonstruktiven“ Projekts seither eher eingeschlafen sind. In vieler Hinsicht finden sich in den oppositionellen Beiträgen „in statu nascendi“ Frontstellungen, welche auch heute feministische Theorie durchziehen, wobei das Problem der Bezugnahme auf (subjektivierende) Effekte von Macht allerdings damals noch weniger die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen ausschloss. Aus dem Anspruch, breitere Herrschaftsstrukturen zu thematisieren, resultiert bereits ein erster Fokus der Auseinandersetzung: die Trennung von Öffentlich und Privat und ihre patriarchale Funktion, die v.a. an liberalen Vorstellungen kritisiert wird. Diese ist – ältere marxistisch-feministische Ansätze zur „Hausarbeit“ aufgreifend – nur eingebettet in eine „versteckte“ gesellschaftliche Arbeitsteilung zu verstehen, die Frauen systematisch eine (symbolisch) untergeordnete Rolle zuwirft. Zeitgemäße kritische Theorie kann jedoch nicht bei dieser gleichermaßen einfachen und unkonkreten Feststellung stehen bleiben, da insbesondere in der sogenannten „Postmoderne“ eine Pluralisierung der Verhältnisse stattgefunden hat, die auch die Formen der Subjektivierung von Frauen (und Männern) betrifft.

In dem Buch versuchen sich die Autor_innen deshalb an einer differenzierten Kritik, die klassisch marxistische Überlegungen v.a. in zwei Hinsichten erweitert: einerseits mit Hinblick auf die stark von Jürgen Habermas geprägte Transformation der Kritischen Theorie Frankfurter Schule in eine „rationale Diskursethik“ der Moderne; andererseits mit Bezug auf die psychoanalytische und subjektkritische Diskussion selbst, sowie die dort verhandelten durchgängig negativen Bezugnahmen auf eine „universale Emanzipation“. Die Texte bewegen sich also im Spannungsfeld eines Projekts einer „immanenten Kritik“, das zumindest Teile des Bestehenden – und dabei oft auch eine Vorstellung von (Zwei-)Geschlechtlichkeit – als notwendige Basis der Kritik und damit vielfach auch als Teil einer möglichen Emanzipationsperspektive betrachtet. Aus dieser Position wird beispielsweise Michel Foucault, aber auch die von Jacques Lacan beeinflusste Tradition feministischer (psychoanalytischer) Theorie kritisiert. Demgegenüber sind allerdings auch Einwürfe vertreten, die auf radikalere Weise den Essentialismus einer solchen Position gerade hinsichtlich der Geschlechterdifferenz problematisieren. Am pointiertesten vertritt dies Judith Butler (die damals noch nicht weltberühmt war) in ihrem Beitrag. Auf ähnliche Weise stehen sich auf dem Terrain der Ethik zwei Positionen gegenüber: Die eine, welche spezifische Momente einer „weiblichen“ (Care-)Ethik erhalten möchte, die sich von der universalistischen Gerechtigkeitsethik unterscheidet und etwa von Habermas im Konzept der Lebenswelt (unkritisch) situiert wurde; Und die andere, welche stärker die binäre Basis von (ethischen) Unterscheidungen wie jener von Rationalität und Begehren hinterfragen möchte und dabei gar nicht mehr auf die immanenten Werte abzielt.
Im Lesekreis wollen wir uns dem spannenden und komplexen Themenfeld widmen und in respektvoller Atmosphäre über diese für ein feministisches und auch ein breiteres gesellschaftskritisches Projekt wichtigen Fragen diskutieren. Genaues Procedere und Termine klären wir gemeinsam in der ersten Einheit. Für diese sollte bereits auch die instruktive Einleitung zum Band gelesen werden.

Wann? Donnerstags, 19Uhr. Erster Termin am 21.03.2013

Wo? Theoriebüro. Pfeilgasse 33, 1080 Wien (@ „Schenke“)

Infomaterial: Flyer.pdf, Infoblatt.pdf

Lesestoff für die 1.Einheit: Einleitung.pdf
Weitere Texte werden per Mail/Hand verteilt.

Interessante Rezension des gesamten Bandes: http://dajialai.org/ziliao1/%CE%F7%B7%BD%D0%C2%D7%F3%C5%C9/New%20Left%20Review/Soper/4.pdf

The Commodity and Its Other

Abstract

This article seeks to explore the depths of a Marxian critique of the commodity, building on both older and newer discussions. The starting point of this inquiry is the empirical status quo of ‘postmodern capitalism’, which is often interpreted in a culturalistic way, criticizing its consumerist, imaginary appearance. Against this, a renewed reading of Marx’s own writings is upheld. Further elaborating on this, the respective neo-Marxist accounts of the Frankfurt School and the Situationists are discussed, pointing to their common omission of the dimension of the commodity’s Other. It is argued that these errors can only be corrected with reference to feminist conceptions, which likewise do not offer solutions, but help to understand the deeper contradictoriness of the capitalist totality. Conclusively, the ‘value diremption’ (Wert-Abspaltung) is propounded as a contemporary (German) materialist and negative dialectical approach, which might help to elucidate the problematic.

(Elmar Flatschart)

A contigent of 50 free full downloads is available at / Ein Kontingent von 50 freien Downloads ist verfügbar unter: 

http://www.tandfonline.com/eprint/EJnyCAskTZduWiX3u5rP/full

Ein Apostelbrief zwischen Szientismus und Historismus

Zur kritischen Aufarbeitung der „Marxismus-Mystizismus“-Debatte zwischen Ingo Elbe und den „marxistischen Theologen“

 

Dieser Text hat zwei Ziele. Erstens stellt er eine nachträgliche Intervention in eine bestehende Debatte dar, die im Wesentlichen zwischen Ingo Elbe, einem Vertreter der sog. „Neuen Marxlektüre“ und einigen „antideutschen“ Autoren um die Zeitschrift „Prodomo“ geführt wurde. In dieser Auseinandersetzung geht es um den Status kritischer Theorie zwischen formaler Erkenntnisweise und negativ-spekulativem Moment. In beiderlei Hinsicht ist ein Anschluss an die Frankfurter Schule möglich und wird auch von den Proponenten hochgehalten, in der Debatte erweist sich jedoch, dass diese Bezugnahme sehr unterschiedliche, ja in vielerlei Hinsicht gegensätzliche Resultate liefern kann. Elmar Flatschart möchte nun zeigen, dass beide von den jeweiligen Seiten vorgebrachten Diffamierungen, jene der emanzipatorisch leeren „akademischen Erbsenzählerei“ (gegen Elbe) und der eines quasi-religiöse Züge annehmenden „marxistischen Mystizismus“ (gegen die Prodomo-Fraktion) in gewisser Weise Berechtigung haben, in mancherlei Hinsicht aber auch falsch sind. Zwischen diesen beiden Seiten eine dritte Position zu suchen, ist nun auch der Anspruch des Autors und kann als zweites, eigenständiges, über der reinen Auseinandersetzung mit der geführten Debatte stehendes Ziel betrachtet werden. Es geht dabei um nichts weniger als die (Selbst-)Legitimation kritischer Theorie und somit auch der wert-abspaltungskritischen Theoriebildung als genuin negativ-dialektischem Zugang und eigenständiger Position zwischen „Wissenschaft“ und „(historischem) Standpunkt“. Diesbezüglich wird im Artikel die Ansicht entwickelt, dass kritische Theorie an wissenschaftliche Methode anschlussfähig und in mancher Weise oft auch auf ihre formalen Erkenntnismodi angewiesen ist, jedoch über jene hinausgeht und ein spezifisch-historisches und materialistisches spekulatives Moment inkorporiert, das sich wissenschaftlicher Formalisierung sperrt und den dialektischen Kern nicht nur der Theorie, sondern auch der „realabstrakten“ Verhältnisse des warenproduzierenden Patriarchats ausmacht.

(Elmar Flatschart)

PDF-Version des in EXIT 10 publizierten Artikels (pp. 62-112) hier: Flatschart_Apostelbrief

Hawel / Blanke (Hg.) (2012) "Kritische Theorie der Krise"

Krit.Theorie der Krise

„Die Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie, die unter anderem mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Karl Korsch, Georg Lukács und Herbert Marcuse verbunden ist, deckt sich weitgehend mit jenem »kurzen 20. Jahrhundert«, das der britische Historiker Eric Hobsbawm mit dem Ersten Weltkrieg beginnen und 1991 mit der Auflösung der bipolaren Weltordnung enden lässt. Es ist ein Jahrhundert voller Turbulenzen, Krisen und Katastrophen. Seither, so Hobsbawm, haben wir es mit einem Ableben, gar mit einem Untergang auch der westlichen Welt zu tun, die sich in einem »freien Fall« befinde. Seit 2007 erlebt diese Welt eine fundamentale Finanz- und Wirtschaftskrise, die in einzelnen Ländern verheerende Auswirkungen hat. 2009 wurden Dimensionen erreicht, die mit jenen aus dem Krisenjahr 1929 vergleichbar sind, wenngleich bisher nicht zu erkennen ist, ob sich auch die politischen Entwicklungen wiederholen werden. Die bisher schon erkennbaren Parallelen sind allerdings Anlass genug, die Aktualität der Kritischen Theorie zu überprüfen.“ (Quelle: http://dietz-shop.rosalux.de/index.php?id=9921&backPID=9921&tt_products=512 )

INHALT

  • Moritz Blanke, Marcus Hawel: Zur Aktualität der Kritischen Theorie
  • Marcus Hawel: Krise und Geschichte. Zum Entstehungszusammenhang kritischer Theorie
  • Lutz Brangsch: Krisentheorien und Krisenkonzepte in der Geschichte des Kapitalismus
  • Roger Behrens: »Crisis, what Crisis?«. Kulturindustrie, Kritik und Krise
  • Annette Ohme-Reinicke, Michael Weingarten: Krise und Bewusstsein. Zur Aktualität sozialpsychologischer Grundlagen des Krisenbegriffs der Kritischen Theorie
  • Daniel Keil: Krisenkonstellationen. Überlegungen zum Zusammenhang von Krise und gesellschaftlicher Ausgrenzung
  • Asaf Angermann: Das schlechte Gewissen der Krise. Adorno, Badiou und die »ethische« Ideologie
  • Anne Steckner: Die Waffen schärfen. Zum Kritikbegriff bei Karl Marx
  • Tatjana Freytag: Kein Altern der Kritik

 

Hobsbawm, Eric (2012) "Wie man die Welt verändert"

„Wer glaubt, Karl Marx sei tot, der irrt. Die Krise des kapitalistischen Systems hat neues Interesse an seinen Ideen geweckt. Eric Hobsbawm, seit seiner Jugend überzeugter Marxist, zeigt, was wir noch heute von Marx lernen können. Ein Leben lang hat sich der Historiker aus Großbritannien mit den Widersprüchen beschäftigt, die seit der Finanzkrise selbst liberale Ökonomen am Weltbild eines schlichten Kapitalismus zweifeln lassen. Hobsbawms neues Buch zeigt, wie der Marxismus in den letzten 150 Jahren die angeblich alternativlosen Regeln der kapitalistischen Wirtschaft in Frage gestellt und widerlegt hat. In Hobsbawm hat Marx seinen souveränen Interpreten für das 21. Jahrhundert gefunden.“ (Quelle: s.u.)

Kleine Reflexion des Re-Thinking Marx Kongresses

Über Themenverfehlungen, die Wichtigkeit der Unterscheidung von Fetisch und Ideologie und die „Dialektik der Politik“

Autor: Elmar Flatschart

 

Zwischen akademischer Konferenz und Event

Vom 20.-22. Mai 2011 fand in Berlin die Konferenz „Re-Thinking Marx“ statt, die mit dem Anspruch auftrat, Marx nicht nur wieder ins Rampenlicht zu rücken, sondern ihn auch weiterzudenken. Aus der Perspektive des theoretischen Frameworks der Wert-Abspaltungskritik erscheint dies alles zuerst einmal vielversprechend (deswegen habe ich die Konferenz besucht). Zugleich muss dem Zweifel, ob der vielen gebrochenen Versprechen linker Theoriebildung, besonders ihrer akademischen Spielart, schlussendlich doch wieder ausreichend Raum gegeben werden. Ich möchte in einem kurzen (zweifellos selektiven) Bericht nicht nur meine Wahrnehmung der Ereignisse, sondern auch eine kurze Diskussion einiger der zentralen theoretischen Probleme darstellen.

Zuerst zum Setting: Die Konferenz wurde offensichtlich langfristig und professionell geplant. Dies äußerte sich nicht nur in der relativ reibungslosen Umsetzung, sondern auch bereits im „Line-Up“. Zahlreiche Berühmtheiten der akademischen Marx-Rezeption waren anwesend, etwa Wendy Brown, Etienne Balibar, Michael Heinrich, Alex Demirovic, Axel Honneth, Oliver Marchart und schließlich Moishe Postone; darüber hinaus auch einige dem Marxismus nahestehende Intellektuelle wie die Humangeographin Saskia Sassen und die post-koloniale Theoretikerin Christine Löw. Es war also nicht nur ein breites Spektrum der deutschen akademischen Linken anwesend, die Einladungspolitik ging bei weitem über die Sprachgrenzen hinaus. Besonders die englischsprachige Debatte und auch einige französische Positionen waren präsent, was durchaus zum Erkenntnisgewinn beitrug.

Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi trat als „graue Eminenz“ der Konferenz auf und hat offensichtlich auch bei der inhaltlichen Gestaltung der Konferenz viel zu sagen gehabt. Deutlich tritt dies erst im Nachhinein aus dem Programm hervor, da natürlich davor viele Namen und Positionen noch nicht bekannt erscheinen. Die Ausrichtung war eine ideologietheoretische/kritische, Themen wie Entfremdung und die Frage einer „humanistischen“ Lesart Marxens stellten einen deutlichen Schwerpunkt dar und nicht zuletzt war die Fraktion der mehr oder weniger von Hegel inspirierten Positionen über das sonst Gewohnte hinaus präsent.
Um die Atmosphäre etwas einzufangen: anwesend war ein sehr großes und unterschiedlich zusammengesetztes Publikum, darunter auch viele junge und „bunte“ Menschen. Dies trug zu einer angenehmen Stimmung bei, die zwischen intellektuellem Austausch, Kaffee-Kränzchen im selbstverwalteten Studi-Cafe und alternativem Kulturprogramm zwischen den Veranstaltungen insgesamt doch recht abwechslungsreich war. Der Eindruck war zeitweise mehr der einer großen Zusammenkunft der theoretisch interessierten jungen Linken ohne politisch-agitatorische Zwangsbeglückungen ebenso wie ohne klare Fraktionierungen. Natürlich waren auch die üblichen Alt-Linken vereinzelt auszumachen, etwa wenn honorige DDR-Marxisten (sic) auftraten und ihre „Wortbeiträge“ (vulgo Co-Referate) tatkräftig zu Ende geklatscht werden mussten.

Trotz dieses positiven Gesamteindrucks war eine Sache klar (darin drückt sich dann vielleicht doch noch eine heimliche Reminiszenz an die DDR-Linke aus): eine Grenze zwischen der „engagierten Masse“ und der „akademischen Elite“ wurde ganz deutlich gezogen. Die Hierarchie zwischen den einfachen BesucherInnen und dem Kreis der Vortragenden aufrecht zu halten, stellte offensichtlich ein organisatorisches Desiderat dar – die vorderen Plätze waren für die (Re-)PräsentantInnen reserviert, sie bekamen in den – außergewöhnlich knapp gehaltenen – Fragerunden mit dem Publikum das Mikro fast ausschließlich in die Hand, und auch das individuelle Distinktionsbedürfnis wurde durch hübsche Namenschilder und nicht zuletzt einen „VIP Bereich“ für die „richtigen“ TeilnehmerInnen bedient.

Ohnehin war der/die Vorstellende meist von sich aus durch das (den Außentemperaturen inadäquate) formell-zugeknöpfte Aussehen vom Rest zu unterscheiden. In diesen Zusammenhang passt natürlich die strukturell männliche Markierung dieser akademischen Form – es waren deutlich mehr Männer auf den diversen Podien (ausgenommen natürlich die „abgespaltenen“ Theoriemomente Gender&Co) vertreten, und noch viel deutlicher artikulierte sich der „male bias“ in dem anscheinend für Frauen nicht sehr einladenden Gesprächsklima – während des ganzen Kongresses konnte ich (abseits der Gender-Veranstaltung) eine Wortmeldung von einer Frau verzeichnen. Dies schien irgendwie niemanden zu stören, weder die weiblichen Referentinnen, noch die durchaus paritätisch anwesenden Frauen unter den Zuhörenden. Die meisten der Männer schienen mir ohnehin in distinkten Zirkeln anzutreffen zu sein, was wohl nicht nur mit der thematischen Segmentierung der Interessensschwerpunkte zusammenhängt, sondern recht gut die Struktur informeller akademischer Männerbünde widerspiegelt. Dies ist aber wohl nicht weiter verwunderlich, nicht zuletzt gibt es Ähnliches ja auch in nicht-akademischer kritischer Theoriebildung.

Zum Einstieg und den Themenverfehlungen

Den inhaltlichen Einstieg in die Konferenz machte eine Vorrede von Rahel Jaeggi. Obwohl sie die Relevanz einer (philosophischen) Auseinandersetzung mit Marx unabhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Konjunkturen hochhielt, konnte eins sich des Eindrucks nicht verwehren, dass sie die Aufbruchsstimmung durchaus nicht aus sich heraus begründet sah – die wiederentdeckte Relevanz von Marx angesichts der Krise wurde von ihr ebenso herausgestrichen wie auch eine (damit einhergehende) neue Unbefangenheit gelobt. „Re-Thinking Marx“ ist also durchaus etwas, das mit historischen Konjunkturen zu tun hat. Diese wichtige Einschätzung ist nicht nur für den spezifischen Event von Bedeutung – sie sollte alle kritische Theoriebildung zu verstärkter Anstrengung und neuen Versuchen der Zusammenarbeit veranlassen. Unmissverständlich kenntlich machte sie aber auch den wohl zentralen theoretischen Schwerpunkt dieser Konferenz, der nicht zuletzt mit dem Habermasianischen Bruch in der Kritischen Theorie zu tun hat (dazu mehr weiter unten): die Frage nach dem Verhältnis einer „sozialen“ und „normativen“ Kritik der Gesellschaft, letztlich der Skandalisierung von entweder Ausbeutung oder Entfremdung. Dies stellt zweifellos eine interessante und durchwegs pointierte Vorlage für eine Konferenz über Marx dar, die nicht zuletzt auch von der Widersprüchlichkeit der heutigen Rezeptionslinien weiß. Die Latte wurde also hochgelegt.

Wiewohl auf eine inhaltlich anspruchsvolle Debatte Wert gelegt wurde, gab es offensichtlich auch einige Themenverfehlungen, die ich gleich am Anfang abhandeln möchte. Am prominentesten war diese bei Saskia Sassen vorzufinden, die in ihrem „Dialog mit Marx“ nicht nur die Äußerlichkeit der eigenen Position von vorneherein akzentuierte, sondern auch bewies, dass sie tatsächlich sehr jenseits der Debatten ist – ihre Kritik an Marx traf dessen „Politik-Verständnis“ bzw. den Marxschen „Internationalismus“. In einer einzigartig einseitigen Lektüre Marxens – die Basis ihrer Auseinandersetzung stellte nach eigenen Angaben das „Kommunistische Manifest“ dar – schlitterte sie gänzlich an dem, was eine produktive Marx-Rezeption sein könnte, vorbei und beschränkte sich im Wesentlichen auf die rein phänomenologische und statische Feststellung, dass der Marx des Manifests das Politische, nämlich den National-Staat und seine Maßstäbe, nicht so verstand wie Sassen, welche in der heutigen Welt die Grenzen des Nationalen schwinden sieht. Unabhängig von dem analytischen Befund Sasssens hatte ihr Vortrag wenig mit Marx und noch weniger mit von Marx inspirierter Theorie zu tun.

Ähnlich enttäuschend war für mich nur noch der Beitrag Étienne Balibars. Sein Vortrag war wohl sicherlich von Marx inspiriert und verfehlte insofern das Thema (vielleicht) nicht. Es mochte mir jedoch – trotz großer Aufmerksamkeit und eifrigen Mitschreibens – nicht gelingen, den roten Faden zu entdecken bzw. die Quintessenz des Gesagten zu durchdringen. Dies mag an meiner mangelnden intellektuellen Fähigkeit liegen (rein sprachlich konnte ich folgen); jedenfalls aber blieb bei mir nur der Eindruck eines recht verwirrten Sammelsuriums aller möglichen angerissenen Aspekte rund um das Feld „Staat-Markt-Klasse“. Was einzig hängen blieb, war für mich das klare Bekenntnis zur Aktualität des Klassenthemas. Im Gang durch mannigfaltige post-politische, staatstheoretische und gar krisenphänomenologische Aspekte wollte Balibar die besondere Rolle des Klassenkampfes irgendwie doch noch retten. Trotz performativer Höchstleistung bei der Bedienung des Habitus-Typus „alter, eigensinniger und freundlicher Theoretiker“, die durchaus auch einige Sympathiepunkte einbringen mag – Balibar zeigte sich mit der „kämpfenden Jugend“ in Spanien solidarisch, wollte seinen Vortrag gern dort übertragen sehen – war der inhaltliche Ertrag für mich recht mager.

(Keine) Überraschungen mit und ohne Gender

Eine Überraschung stellte der Beitrag von Wendy Brown dar. Sie überzeugte mit einem profunden Bezug auf den „esoterischen“ Marx und versuchte Parallelen zwischen einer Kritik der Religion als Projektion sozialer Verhältnisse und der projektiven Dimension des Warenfetischismus auszumachen. Anders als viele andere Vortragende machte sie dabei den Unterschied zwischen Fetischkritik und dem bloß Ideologischen stark – während Ideologien falsche Vorstellungen sind, beruhen fetischistische Verhältnisse auf einer in den Naturverhältnissen begründeten Eigenlogik, welche Religions-ähnliche Projektionen produziert und die Unterscheidung zwischen analytischen und kritischen, physikalischen und theologischen Dimensionen aufnötigt. Einem positivistischen Verständnis einer „Greifbarkeit“ der Ware setzt Brown so von vorneherein die verdinglichte Dimension der sozialen Verhältnisse, die zur Ware führen, voraus. Für sie ist deshalb die religiöse Begrifflichkeit bei der Marxschen Beschreibung des Fetischismus nicht bloß Metaphorik, sondern stellt eine heuristische Notwendigkeit dar, um die anvisierten sozialen Verhältnisse fassen zu können. Zweifellos ist diese übermäßige Betonung des religiösen Charakters kapitalistischer Vergesellschaftung hinterfragbar. Dennoch scheint mir der Vorstoß in eine interessante Richtung zu gehen und z.B. gerade für die im EXIT ansatzweise geführte Debatte über „vormoderne (=religiös begründete) Fetischverhältnisse“ und das Verhältnis von Kapitalismus und Religion durchaus von Relevanz zu sein. Interessant war auch Browns spezifisch staatstheoretischer Zugang, der fetischismuskritisch fundiert sein will. Der Staat wurde von ihr wesentlich als Mystifikation menschlicher Souveränität erschlossen und somit als „otherwordly“ und imaginäre, letztlich entfremdete Form der Gemeinschaft kritisiert. Zu kritisieren wäre demnach schon die normative Idee einer ideellen Zentrierung der Souveränität in einem Zentrum. Hier verbleibt Brown zweifellos bei einer recht assoziativen, abgeleiteten Bestimmung des Staates, die schlussendlich selbst noch „ökonomistisch“ ist, insofern sie Momente des Warenfetisches recht unbedarft aufs Politische überträgt. Dennoch wäre auch hier ein näherer Blick auf das Werk Browns sicherlich gewinnbringend.

Auch die Gender-Frage selbst war natürlich mit einem eigenen Panel vertreten (umso weniger durchzog sie die allgemeine Diskussion). Die Veranstaltung erwies sich jedoch als weniger neu und apannend als meinerseits ursprünglich erhofft – jedenfalls wurde in keiner Weise die Höhe der marxo-feministischen Theoriebildung erreicht, welche vor dem „postmodern turn“ anzutreffen war.

Den Einstieg machte die englische Professorin Stevi Jackson. Sie vertritt nach eigener Aussage einen „materialistischen Feminismus“, der sich in Opposition zu „psychoanalytischen Differenz-Feminismen“ verortet, welche Jackson heute auf dem Vormarsch sieht. Der Vortrag bestand dann auch im Wesentlichen aus einer Rekapitulation des Entwicklungsweges jenes „materialistischen Feminismus“, der sich gewissermaßen zwischen marxistischen Feminismen und Differenzfeminismen positioniert. Stichwortgeberinnen sind neben Simone de Beauvoir v.a. die französische Schule um Monique Wittig und Christine Delphy. Die Position könnte ungefähr so zusammengefasst werden: Die Marxsche Werttheorie (etwa die Debatte um den Wert der Hausarbeit) interessiert nicht, weil zu „technisch“; es besteht folglich eine Distanz zu explizit marxistischen Feminismen; Fragen des allgemeinen Gesellschaftlichen interessieren weniger, Momente (politischer) Herrschafts- und Ungleichheitsachsen jedoch schon; die Abgrenzung vom postmodernen/poststrukturalistischen Feminismus wird gesucht, jedoch ergeben sich auch an einigen Punkten Schnittstellen; insbesondere Fragen der Bedeutung(-skonstruktion) und der Subjektivität sind von Relevanz. Diese Stellung einer doppelten Abgrenzung gegenüber marxistischen und differenzfeministischen Positionen war mir so nicht bekannt und ist in gewisser Weise instruktiv, v.a. angesichts der sarkastischen Nebenbemerkung Jacksons, dass zahlreiche der überzeugtesten Vertreterinnen einer „technischen“, marxistischen Position nach den Debatten der 1970er mit fliegenden Fahnen zum Poststrukturalismus wechselten. Interessant sind dabei v.a. die subjekttheoretischen Momente des präsentierten „materialistischen Feminismus“. Er hebt in radikaler Weise die soziale Konstruktion der Geschlechterbinarität hervor, ebenso wie die historische Relativität der Unterscheidung zwischen Homo- und Heterosexualität. Gleichermaßen wird aber auch die Materialität dieser sozialen Verhältnisse herausgestrichen, die – wie auch Klassenrelationen – eine starke Verharrungstendenz aufweisen. Über die gesellschaftstheoretische Begründung jener Beharrlichkeit sagte Jackson zwar erwartungsgemäß nichts, dennoch ist die Insistenz auf die hierarchische und materiale Struktur der sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit, ebenso wie die Verbindung dieser mit der Dimension der Heterogeschlechtlichkeit durchaus erkenntisbringend. Anders als poststrukturalistische Ansätze, die sich auf die Tatsache der Differenz selbst und die bloße „Heteronormativität“ kaprizieren, wird so eine realistische Perspektive auf Gesellschaft ermöglicht, die Bedeutung, Subjektivität und das „Alltagsleben“ nicht auf das rein aktuale Performative reduziert. Auch wenn größere ideologiekritische Entwürfe wie etwa Wittigs Kritik eines „heterosexuellen Kontrakts“ letztlich begrenzte Heuristiken darstellen und nochmals gesellschaftstheoretisch geerdet werden müssten, stellen sie zweifellos eine gute Basis nicht nur für kritisch-dialektische Weiterentwicklungen, sondern auch eine Kritik poststrukturalistischer Positionen dar: denn wie Jackson glaubhaft machen konnte, basiert der Gender-Konstruktivismus Judith Butlers nicht nur stark auf einer Rezeption Wittigs und des französischen materialistischen Feminismus; Butlers Lesart ist selbst eine sehr einseitige und dekontextualisierte, was wiederum der auf sie aufbauenden Theoriebildung als ganzer vorgeworfen werden kann. Etwas lau war dann jedoch die Moral von der Geschicht – mit all ihrer materialistischen Kritik kommt Stevi Jackson schlussendlich doch wieder beim „Common Sense“ der neueren (halbwegs bodenständigen) feministischen Debatte an – es bedürfte einer „intersektionalen Analyse“, die sich zwar nicht nur auf Identitäten beschränken, sondern auch materielle Herrschaftsachsen in den Blick nehmen sollte; aber schlussendlich doch froh darüber sein kann, den Anspruch „totalisierender“ Großtheorien nicht mehr gerecht werden zu müssen. Paradoxerweise sollen also die Verwobenheiten von Herrschaftsmomenten materialistisch untersucht, dabei aber nicht „Alles“ erklärt werden. Das Resultat – der regelrechte Stolz auf Eklektizismus und „pragmatische“ Theoriebildung – kann leztlich also wenig überzeugen.
Mit Terrell Carver – dem einzig Mann auf dem Podium – ging es jedoch nicht unbedingt vielversprechender weiter. Carver ist offensichtlich ein passionierter Komiker, der sich gerne den Touch der Coolness eines verruchten Abenteurers gibt – sein Referatsduktus entsprach dem jedenfalls und ein solches Auftreten war ob der überwiegend weiblichen ZuhörerInnenschaft etwas peinlich. Auch die präsentierten Resultate einer „gendered Critique of Political Economy“ waren wenig mehr als amüsante Anekdoten. Der Bristoler Professor, der einschlägigerweise auf Hermeneutik spezialisiert ist, versuchte Marx so darzustellen, wie er „wirklich war“ und zwar „als Person“. Abgesehen von der etwas gewagten These, das Marx keineswegs Philosoph oder gar ökonomischen Theoretiker, sondern einzig und alleine „politisch motivierter Journalist“ war, gab der Vortrag wenig, was über ein Wiederkäuen von Altbackenem (die Reproduktionsperspektive kommt bei Marx nicht vor) und Absurdem („Aspekte wie die Sklaverei in der Familie und die Unterdrückung der Frau wurden von Marx ja doch, an einer Stelle auf Seite so und so im Kapital, erwähnt – zumindest ließe sich das so interpretieren…“) hinausginge. Im Ganzen konnte sich Carver nicht entscheiden, ob er Marx nun verteidigen oder anklagen wollte. Einzig seine über das eigentliche Thema hinausweisenden und anscheinend eigenen Arbeiten entnommenen sporadischen Bemerkungen über die „Männlichkeit der Ökonomie“ und damit einhergehende Effekte tönten potentiell interessant – für eine genauere Einschätzung waren sie jedoch tatsächlich zu dünn gesät.

Wirklich grässlich (oder unglaublich lächerlich) wurde es aber beim letzten Vortrag des Panels, der von zwei „feministischen Ökonominnen“ – gespaltene AutorInnen-Persönlichkeiten sind seit J.K. Gibson-Graham scheinbar schick geworden[1] – gemeinsam referiert wurde, Esra Erdem und Ceren Özselçuk. Beide standen auch inhaltlich nah bei der „poststrukturalistischen Ökonomiekritik“ des australischen Autorinnenkollektivs. Sie plädierten in einem bunten Sammelsurium aus wissenschaftskritischen, politischen, ökonomischen und subjekttheoretischen Momenten für eine epistemologische Neuorientierung in der Ökonomiekritik, die mit der „reflektiven, realistischen“ Position endlich bricht. Das Zauberwort war demnach Kontingenz, die überall gefunden werden sollte. Aus der Marxschen Theorie müsse demzufolge einfach das Programm einer „post-kapitalistischen Politik“ geschwurbelt werden, indem er auf „Differenz und Kontingenz“ (das reimt sich!) gelesen wird. In einem oberflächlichen Durchgang durch das Kapital, dessen Tiefe wohl von jedem/r TeilnehmerIn eines Marx-Lesekreises nach zwei bis drei Sitzungen übertroffen würde, kamen sie zu einem bahnbrechenden klassentheoretischen Schluss: „Klasse“ sollte nicht mehr nur durch die Augen des Kapitalismus gesehen werden. Denn eigentlich wird Klasse ja erst durch das marxistische Denken als solches konstruiert. Tatsächlich kann Klasse nie eine endgültige Gestalt gegeben werden, die „Kartographie der Klasse“ dient bloß als „Wegweiser“, um etwas ganz anders – nämlich die Klassendifferenz zu artikulieren. Klasse ist also nur eine „Technologie“, um unterschiedliche Klassenorganisationen zu untersuchen (sic!). Daraus folgt: es gibt auch „viele Ökonomien“, ökonomische Diversität ist ja schön und die Rede von einer „kapitalistischen Totalität“ ist ohnehin Schwachsinn, müsste wohl selbst noch – so könnte eins sie im Anschluss an andere poststrukturalistische Ansätze weiterdenken – als „epistemische Gewalt“ verstanden werden. Gewalttätig zumindest gegenüber einer „kontingenten, nicht-deterministischen“ Lesart des Kapitals. Gewagterweise brachten Özselçuk/Erdem dann doch noch eine allzu „deterministische Lesart“ ein, für die sie sich auch sogleich entschuldigten, nämlich folgende kongeniale Formel:

M – C …P … C’ – M’

M steht dabei für Markt, C für Kapital und P für Produktion. Was diese Formel abgesehen von einer „kontingenten“ Umdeutung Marxens genau bringen soll, konnten die Referentinnen nicht so recht vermitteln. Wofür sie steht (wenn eins dazu denkt, dass wohl auch hier alles mindestens einmal kontingent weiterinterpretiert werden muss), wurde jedoch verlautet: der Kreislauf des Kapitals ist keine unvermittelte, invariante Logik – er formuliert eine „Metamorphose des Kapitals“ (sic), bei der die Kreation des Werts niemals flüssig vonstattengeht, sondern „kontingent auf sozialen Technologien“ aufbaut. Es gibt also keine essentialistische Logik der kapitalistischen Reproduktion; nur Kontingenz. Und das Beste kommt zum Schluss: es gibt andere ökonomische Organisationsformen. Denn: die „Flüsse des Mehrwerts“ können ja auch different gelenkt werden, wenn nur die „Binarität zwischen dem Kapitalismus und seinem Äußeren“ destabilisiert würde. Bezeichnenderweise schloss der Vortrag mit einem Verweis auf Louis Althusser, dessen theoretische Innovation gegen den „marxistischen Feminismus“ und dessen zwar wichtiger (weil eine „autonome und andere“ Sphäre kreierenden), aber dann doch irgendwie langweiliger Perspektive auf die Hausarbeit lanciert wurde: Aus der kapitalistischen „Re-Reproduktion“ (sic) wird die Perspektive auf die „soziale Reproduktion“. Durch diese Perspektive selbst würde dann auch schon der „performative Akt“ der Fokusverschiebung auf die „imaginierte Welt“, die Utopie, welche eins sich wünscht, gesetzt – Politik machen, auf poststrukturalistisch, quasi! Wie das weiter aussehen kann, wurde dann als Antwort auf eine Frage aus dem Publikum an Hand eines enthusiastischen Beispiels verdeutlicht: Es gibt doch tatsächlich in den USA ein paar Firmen, die sich gemeinsam dazu entschlossen haben, einen Teil ihrer Profite für den Zweck der Schaffung von unabhängigen GenossInnenschaften zu spenden. Doch wer dies als die in den Vereinigten Staaten recht übliche Form der „Charity“ abzutun geneigt ist, hat das utopische Potential der Sache weit verfehlt: denn diese Firmen tun damit etwas, was in sich schon dem „kapitalozentrischen Imaginären“ widerspricht – sie nehmen einen Teil des Mehrwerts aus der „Metamorphose des Kapitalismus“ einfach so heraus! Das ist nun etwas völlig Neues und sollte endgültig allen eine Lehre erteilen, die die kapitalistische Reproduktion immer noch „deterministisch konstruieren“. Kein Kommentar…

Ein Kernproblem der Konferenz: Die Verhältnisbestimmung von Fetisch- und Ideologiekritik

Der wirklich substantielle Kern dieser Konferenz war also leider nicht in der feministischen Weiterentwicklung der Marxschen Theorie zu finden. Eine Annäherung an ihn kann jedoch in Abstoßung vom zweifellos sympathischsten Vortrag entwickelt werden, jenem von Moishe Postone. Herausragend war Postone nicht nur ob des Inhalts seines Vortrags – den Präliminarien einer fetischismuskritischen Perspektive auf die kapitalistische Totalität (dies kannte ich natürlich und muss ich hier wohl nicht weiter ausbreiten); sondern auch, da er trotz der grundsätzlichen Bekanntheit des Inhalts immer noch zu fesseln vermochte und nicht zuletzt auch eine probate, Unruhe stiftende diskursive Intervention in den „Common Sense“ der Konferenz hinbekam. Abgesehen von der deutlichen Kritik am Arbeiterbewegungsmarxismus bestach vor allem das klare Bekenntnis zur Fetischkritik und das Postulat, dass diese nicht auf Ideologiekritik reduzibel ist. Das Hervorkehren einer distinktiv negativen Dialektik, die eine Fokussierung auf den Prozess impliziert, war ein wichtiger wissenschaftstheoretischer Kontrapunkt zu den anderen Ansätzen, die mehr oder weniger statische Verständnisse vertraten (inklusive der durchaus anwesenden unmittelbar hegelianisch inspirierten Philosophen, welche ich hier nicht weiter erwähne). Dabei wurde durch Postone das „Andere“ implizit immer auch schon angesprochen – wenn auch natürlich nicht expliziert; eine gewisse ökonomistische Schlagseite wurde ihm schließlich auch schon von Seiten der EXIT-Position vorgeworfen. Auf jeden Fall liefert dies aber Ansätze für eine abspaltungskritische Revision. Ohnehin interessant und noch immer viel zu wenig aufgearbeitet bleibt die These der zwei Zeiten des Kapitalismus (konkrete und abstrakte), die ihrerseits noch einer abspaltungskritischen Interpretation harren würde. Die Kontakte nach Chicago zu stärken – was ich leider in Anbetracht des doch sehr honorig-professoralen Auftreten Postones versäumte – lohnt für das Projekt kritisch-dialektischer Theorie also jedenfalls.

Nicht nur theoretisch, sondern auch in Form von recht direkten Angriffen grenzte sich der erklärte Buhmann des Kongresses, Axel Honneth deutlich von seinem Podiums-Genossen Postone ab. Er steht aber gewissermaßen auch für den „heimlichen Konsens“ einer Konferenz, die auf den ersten Blick in erfreulicher Weise einen Kontrapunkt zu den hegemonialen akademischen Debatten setzte, die allzu weit weg sind von Themen wie „Ideologie“, „Entfremdung“, „Verdinglichung“, „Dialektik“ und den Fragen des Hegelianischen Erbes bei Marx. Honneths Beitrag titelte bezeichnenderweise „Die Moral im Kapital“ (auch das reimt sich, offensichtlich hatte Pumuckel unrecht) und hätte eigentlich eher „Die Moral gegen das ‚Kapital‘“ oder vielleicht auch „Mit Moral zum Kapital“ heißen müssen. Es ging ihm nämlich um einen ganz bestimmten, nein nicht den epistemologischen, Bruch im Marxschen Werk, den der „Westliche Marxismus“ vermeintlich ans Tageslicht gebracht habe – die Unterscheidung zwischen den moralischen Absichten kollektiver AkteurInnen und der „ökonomischen Funktionsimperative“. Für Honneth steht hinter dieser Unterscheidung nicht nur der Gegensatz zweier Handlungslogiken, er ermöglich auch gänzlich andere theoretische Grundannahmen als jene des „ökonomiekritischen Marx“. Diese wiederum lägen in der „normativen Konfliktualität allen Sozialens“ begründet und äußerten sich in spezifischen historischen Vorgängen. Dahinter stünde die unterschiedliche Temporalität des Ökonomischen und des Moralischen, eine prozesshafte auf der einen und eine ereignishafte auf der anderen Seite, eine schlussendlich synchrone versus eine in sich diachrone Zeitlichkeit. Im 18. Brumaire des Louis Bonaparte und den Schriften über den Bürgerkrieg in Frankreich will Honneth auch bei Marx Spuren des Nicht-Ökonomischen entdeckt haben – hier würden plötzlich nicht mehr nur Charaktermasken, sondern „normative AkteurInnen“ in „politischen Kämpfen“ herumlaufen. Durch die politische Konfliktualität um die Setzung der akzeptierten Normen bewiese die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung selbst die ereignishafte Seite historischer Prozesse, in der sich auch Bedeutungen in Abhängigkeit voneinander ändern könnten. Demgegenüber wären die historisch-politischen Kapitel des Kapitals linear aufgebaut und durch von vorneherein vereinheitlichte Interessen geprägt, die sich im Wesentlichen auf die zwei Kollektivsubjekte „Kapital“ und „Proletariat“ beschränken.

Im zweiten Teil seines Vortrags träumt Honneth davon, was wäre, wenn Marx auch im Kapital den „Einsichten seiner historisch-politischen Schriften“ gefolgt wäre. Er begreift das Kapital nämlich bloß als eine kritische Darstellung der herrschenden Nationalökonomie und ihres „Nutzenkalküls“, die um eine Politisierung und Soziologisierung ergänzt werden müsste. Es geht also – und hier begann Honneth endgültig, sich immer und immer zu wiederholen – um die „normative Konfliktualität“, die selbst noch das Kapitalverhältnis durchzieht. Der „utilitaristische Begriff des ökonomischen Akteurs“ müsste also so uminterpretiert werden, dass er selbst die eigenen Interessen nur in Form von Normen umsetzen kann und hier folglich schlussendlich keine Einheitlichkeit mehr vorherrschen kann. Recht sprunghaft wird das dann mit Rekurs auf ein seinerseits eigentlich recht „ökonomisches“ Paradigma, die institutionalistische Perspektive auf die „varities of capitalism“ (vulgo „rheinischer Kapitalismus vs. angelsächsischer) begründet. Es gibt also nicht den Kapitalismus, darum bräuchte es eine „Einsicht in die normative Plastizität wirtschaftlicher Interessen“ (sic). Natürlich, so Honneth, dürfte die „synchrone Temporalität“ des Verwertungszwangs nicht gänzlich vergessen werden. Welche Rolle sie in einer „soziologisierten Kapitalismusanalyse“ spielen soll, wenn es „ebensoviele Akteursgruppen wie normative Einstellungen“ gibt, bleibt jedoch offen. Die folgenden, beinahe revolutionistischen Verweise auf die Möglichkeiten, wie Randerscheinungen zu historischen Ereignissen werden können, sollten wohl davon ablenken. Ob die genannten „Konsumgenossenschaften“ das beste Beispiel für die Veränderbarkeit von Strukturen sind, sei dahingestellt (als Österreicher muss ich instinktiv an „Raiffeisen“ denken). Viel interessanter war jedoch die weitere Argumentation im Kreuzzug gegen die Vorstellung einer kapitalistischen „Rationalität“. Denn der gute Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung hat offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht und die Fahne nach dem Wind gerichtet, denn er kam – oh Wunder – auf die „Kräftekonstellationen“ zu sprechen, die hier weiter eine Rolle spielen würden. Die Kräfteverhältnisse von Gruppen würden sich demnach dauernd ändern, und es bedürfe deshalb einer „Situationsanalyse“, in die auch die „moralisch-kulturelle Gesamtstimmung“ miteinbezogen werden müsste. Worauf das hinausläuft mag nicht mehr verwundern – auch aus Frankfurt wird Antonio Gramsci angerufen und mit ihm die Notwendigkeit „soziologischer Analysen“ des „spezifisch historischen Ereignisses“ eingeklagt. Natürlich sind dann alle Auseinandersetzungen komplex, und vieles spricht gegen eine „Subsumption unter das Kapital“. Die Moral sei es, die nötig wäre, um den Kampf um den Kapitalismus (sic) möglich zu machen. Wer das anerkennt, kann auch die Spannungen im Markt sichtbar machen und sehen, dass es keine normativen Schließungen gibt – auch nicht im Kampf um die Länge des Arbeitstags.

Also – weg mit der „Hegelschen Geschichtsphilosophie“, der „linearen Entwicklung“, denn die ist bloße „praktische Selbsteinschüchterung“. Was wir brauchen ist eine „theoretische Verabschiedung der Kritik der Politischen Ökonomie“ (sic). Stattdessen muss der „normative Einwurf“her, der die ökonomische Rationalität übertüncht. Klar wird natürlich allen sein, dass es neben den Bewegungen immer auch „Gegenbewegungen“ gibt… Aber im Büro des Institutsdirektors interessiert das natürlich nur insoweit, als er den finalen guten Rat gibt, angesichts all der Komplexität besser an die politisch-historischen Schriften anzuschließen. Recht einig war er sich dann auch mit seinem Nachredner, dem englischen Professor für politische Theorie Russell Keith, der sich – auf ähnlich normativistischer Basis – für die Unmöglichkeit einer nicht-marktwirtschaftlichen Gesellschaft aussprach (weshalb er die „soziale Marktwirtschaft“ gegen den „Kapitalismus“ stark machte), sich aber sehr wohl einen „normativen Marktsozialismus“ ohne „Entfremdung und abstrakte Arbeit“ vorstellen konnte.

In Form eines recht einfach gestrickten, selbst noch politischen Programms, das sich hinter dem vermeintlich theoretischen Bezug auf Marx versteckt, bietet Axel Honneth mit seinem Vortrag (der übrigens auch in der nachfolgenden Podiumsdiskussion noch zu – den Maßstäben der akademischen Etikette nach – teils scharfen Einwürfen gegen Moishe Postone führte) einen guten Überblick über den Grundkonflikt, der mir nicht nur den Re-Thinking Marx Kongress, sondern auch einen guten Teil der theoretischen Debatte der sich auf Marx beziehenden Linken zu durchziehen scheint. Es geht um die Henne-Ei-Frage, die Priorität des „Politischen“ vor dem „Ökonomischen“. Die offensichtlich reformistisch-sozialdemokratische und insgesamt recht widerliche Raison, die sich aus Honneths Ausführungen ergibt, stellt hier jedoch nur die Spitze des Eisberges dar, und der gesamte Brocken kann nicht einfach mit Verweis auf diesen Spitz abgetan werden. Dies verdeutlichte die streckenweise viel ambivalentere Argumentation der „dritten Generation“ der letztlich auf Habermas zurückgehenden Tradition der Frankfurter Schule. Vertreten war diese Generation, mit der nicht zuletzt auch Rahel Jaeggi in gewisser theoretischer Verbindung stehen dürfte, etwa im Panel „Ideologie, Entfremdung und Verdinglichung“. Vorherrschend war hier ein Typus des straighten, nüchternen und überszientifischen (präzisionsfetischistischen) Akademikers im Nadelstreif, der auch theoretisch zumindest „komplex“ argumentiert – komplexer als der recht offensichtlich agitatorische Honneth. Demgegenüber wirkt die akademische „Polit-Linke“ um Gramsci um vieles sympathischer und einschätzbarer. Eine inhaltliche Richtschnur, auf die ich nun näher eingehen möchte, bietet dahingehend der Vortrag von Titus Stahl, der zum vielsagenden Titel „Ideologiekritik als Kritik sozialer Praxis“ sprach.

Stahls dichter Vortrag behandelte im Wesentlichen ein Grundproblem der Beschäftigung mit Ideologie, das bereits in der Definition des Worts ausgemacht werden kann. Unter Ideologie wird in der kritischen Debatte für gewöhnlich die Vorstellung von „notwendig falschem Bewusstsein“ verstanden. Dies impliziert zwei Momente: Einerseits ist das Bewusstsein falsch, was die Doppelbedeutung einer wahrheitsmäßigen (analytische Dimension) und einer moralischen (normative Dimension) Negation zulässt. Gemeinhin wird hier in der marxistischen Debatte nicht so genau unterschieden, jedoch dominiert wohl eine Vorstellung, bei der die Falschheit im Sinne der mangelhaften Wiedergabe der Realität dominiert. Das typische Beispiel des „Pfaffenbetrugs“ verdeutlicht dies: Eigentlich wird gesagt, dass die Herrschenden die „wirklichen Verhältnisse“ verschleiern; es geht also in erster Linie um die Ausweisung der Falschheit der inkriminierten Argumentation. Dabei schwingt jedoch implizit, gewissermaßen performativ, auch immer bereits die moralische Anklage mit, dass die „Falschheit“ auch darin besteht, dass die Herrschenden durch die Produktion dieser Illusionen besser ausbeuten können o.ä. Diese mangelnde Präzision in der Definition der Falschheit stellt selbst noch ein Problem dar. Andererseits ist das Bewusstsein aber auch notwendig, d.h. es geht unmittelbar und gewissermaßen zwingend aus den sozialen Verhältnissen (sozialtheoretische Dimension) hervor. Jene erklärende Perspektive macht die Skandalisierung des „Pfaffenbetrugs“ eigentlich erst wirklich aussagekräftig, denn ohne die Sedimentierung einer breiteren Explikation des Kontextes, in dem der Betrug stattfindet, wäre dieser weder intelligibel noch die skandalöse (normative) Dimension ausweisbar.

Nun werden diese Dimensionen praktisch zwar zusammengedacht, theoretisch jedoch als zumindest potentiell trennbare erachtet. Ideologiekritik und Ideologietheorie werden als unterscheidbare Seiten betrachtet. Dies führt jedoch zu einer Schwierigkeit, die gewissermaßen einen performativen Selbstwiderspruch produziert, der das Konzept der Ideologie selbst hintertreibt: wenn davon ausgegangen wird, dass das Bewusstsein falsch ist, dann müsste es eigentlich ausreichen, diese Falschheit auszuweisen und ihr das Richtige (egal ob in normativer oder analytischer Dimension) entgegenzusetzen. Die Falschheit müsste in sich begründet sein. Wenn ein Bewusstsein falsch ist, dann ist es eben unrichtig, unabhängig davon, wo oder wie es auftritt. Die Konsequenz wäre aber, dass der Begriff Ideologie obsolet würde und sich einfach durch „falsche Aussage“ ersetzen ließe. Rein kognitiv wäre nicht zu entscheiden zwischen diesem oder jenem „falschen Bewusstsein“, es ließe sich also nicht argumentieren, warum „1+1=3“ eine andere Qualität der „Falschheit“ aufweisen sollte als die Aussage „die Ware Arbeitskraft ist das gleiche wie Arbeit“. Umgekehrt ist jedoch auch das Thema der sozialtheoretischen Begründung der Ideologie ähnlich verfänglich. Soll davon ausgegangen werden, dass Ideologie sich aus den historischen Verhältnissen erklären lässt, aus ihnen tatsächlich notwendig hervorgeht, bleibt zu fragen: Was unterscheidet Ideologie dann von anderen Bewusstseinsformen, die, materialistisch gedacht, ja stets aus den gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgehen? Wie lässt sich hier eine (Dis-)Qualifikation als „falsch“ begründen, die Ideologie von anderen gesellschaftlich bedingten ideellen Emanationen unterscheidet? Schlussendlich gar nicht.

Mit dem ersten Problem sind klassischerweise Arten der Ideologietheorie konfrontiert, die sich v.a. auf die kognitiv-epistemischen Momenten des Ideologischen beziehen. Am prominentesten ist hier sicher die althusserianische Schule. Das zweite Problem trifft v.a. VertreterInnen einer Ideologiekritik, die „materielle Ideologien“ wie Verdinglichung und Entfremdung, aber oft auch ein bestimmtes Verständnis von Fetischismus stark machen.

Titus Stahl gehört zweifellos zur zweiten Gruppe, jedoch ist die Sache nicht so einfach. Denn Stahl sieht die obige Problematik durchaus, was sich auch in seinem Vortrag wiederfand. Er stellt sich eben die Frage, wie Ideologiekritik als nicht-epistemische Kritik möglich ist, wie also der nicht rein wissenschaftliche Status der Ideologie als nur im Kontext der sozialen Realität verstehbare, aber dennoch auch das kognitivistisch-wissenschaftliche Momente der Falschheit implizierende Instanz möglich ist. Er kritisiert dabei sowohl die Illusion einer explanatorischen Autarkie des Geistigen, wie sie etwa bei Marx und Engels noch in der Deutschen Ideologie vorzufinden ist. Gleichzeitig erkennt er jedoch auch, dass es sich doch gewissermaßen um „Überzeugungen zweiter Ordnung“ über den Status des Geistigen handelt, wir es indessen dennoch bis zu einem gewissen Grad mit einer „Struktur unserer kognitiven Vorstellungen“ zu tun haben. Auf diese Weise präzisiert er als seine These über den nicht-epistemischen Charakter der Ideologiekritik folgendermaßen:

„Ideologiekritik ist eine Kritik der reflexiven Struktur des kognitiven Verhältnisses von Individuen zur (gesellschaftlichen) Realität, die sich nicht primär auf epistemische Normen stützt.“

Er entscheidet sich also für die Ideologiekritik vermeintlich materialistischer Facon und gegen eine bloß epistemische Ideologietheorie, führt jedoch den „Vermittlungsschritt“ des kognitiven Verhältnisses der Einzelnen zu dieser Realität ein. Dies erscheint nun alles recht plausibel, denn tatsächlich geht es beim „falschen Bewusstsein“ um „reflexive Formen“ (die Sperrigkeit der Begriffe sollte nicht über den sehr grundlegenden Charakter der Problematik hinwegtäuschen, hier tritt das Problem des akademischen Selbstzwecks klausulierter Formulierungen zu Tage); auch macht es offensichtlich Sinn, diese nicht auf epistemische Normen zu reduzieren, will eins der oben skizzierten Widerspruchskonstellation entgehen. Dies führt nun dazu, dass sich Stahl aber auch zur Frage der materiellen Gestalt der Realität selbst äußern muss, und er stellt hier die These auf, dass Ideologie eben nicht „rein kognitiv“ falsch wäre, sondern vielmehr der „angemessene Ausdruck einer falschen Realität“ wäre. Was hiermit aber gemeint ist – und dies sagt der Referent auch so – ist der spezifische Fetischcharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es scheint nicht nur so, als ob Geld eine materielle Instanz ist, sie ist es in dieser Gesellschaft tatsächlich. Eine Kritik über ideologische Vorstellungen über das Geld (etwa eine strukturell antisemitische Zinskritik) verweist so immer automatisch auf diese Dimension der Gesellschaftskritik. Die grundlegende Frage ist jedoch, ob Ideologiekritik das gleiche ist wie Fetischkritik bzw. Gesellschaftskritik. Stahl plädiert dafür und verknüpft diese Vorstellung von materialistischer Kritik mit einem „nicht-expressivistischen“ Verständnis des Verhältnisses Realität-Bewusstsein (der „Angemessenheit des Ausdrucks“) und einer Lokalisierung des Ideologischen nicht im „(wahrheitsmäßigen) Gehalt, sondern der Form des kognitiven Zustands“. Auch dies mag nun zuerst einmal interessant tönen, geht es doch auch der Fetischkritik um eine Kritik von real-abstrakten Formen, die Tätigkeiten und Denken zugrunde liegen. Die Schwierigkeit liegt aber im Detail, nämlich wie diese Kritik der Formen verstanden wird. Hier findet sich auch der entscheidende, aufs Ganze gehende Abstoßungspunkt der Stahl’schen Argumentation von einer wert-abspaltungskritischen. Denn im weiteren Vortrag wird mit dem Problem der Vermittlung von Gehalt und Form in zweierlei Weise umgegangen: einerseits wird die Bestimmung der materialen Realität als „szientifisches Problem“, also als eines der letztlich wahrheitsmäßigen Korrespondenz definiert; andererseits wird ein Begriff sozialer Praxis schlechthin eingeführt, der sie als „Zusammenhang menschlichen Handelns, der durch normative Standards der Richtigkeit intern strukturiert wird“ definiert. Die Fokussierung auf die Form, die vom Inhalt abstrahiert, und eine allgemeine sozialontologische Vorstellung von Praxis als „normorientierter“ ermöglichen nun eine gänzlich differente Weiterentwicklung auf Basis der bisherigen Prämissen, die noch sehr progressiv gewirkt haben mögen. Denn die Falschheit der Verhältnisse ist nun nicht mehr inhaltlich zu explizieren; sie ist auch keine der Inkohärenz (das kognitive Moment der Ideologietheorie wird also eigentlich völlig abgekappt). Sie ist nur noch in Bezug zu setzen zu den (stillschweigend als ontologische Konstante eingeführten) „internen Standards von Praktiken“ schlechthin. Aus der „ersten und zweiten Natur“ gesellschaftlicher Verhältnisse im Anschluss an eine Fetischkritik werden dann die „erste und zweite Ordnung von praxiskonstitutiven Unterscheidungen“ sozialer Handlung, die wiederum intrinsisch mit einem spezifischen, praxistheoretischen Ideologiebegriff verknüpft sind, nämlich dem folgenden: „Ein kognitives Phänomen ist genau dann ideologisch, wenn es nur in einem Vokabular rekonstruiert werden kann, das konstitutive Unterscheidungen einer Praxis explizit macht, deren Regeln es nicht erlauben, sie als praktisch konstituierte Unterscheidungen zu behandeln.“ Dies mag nun recht sperrig erscheinen, aber im Grunde zielt es darauf ab, dass es gewisse in sich falsche Handlungsformen geben muss, die durch richtige zu ersetzen sind. Hier taucht recht unverblümt wieder die Habermasianische Vorstellung eines „richtigen“ Kommunikativen Handelns auf, welches die „Zweckrationalität“ der kapitalistischen Verhältnisse bloß ergänzen müsste. Das Perfide des präsentierten ideologiekritischen Ansatzes ist nun, dass es diese Zweckrationalität zwar als falsch darstellt, jedoch nicht ausweist, dass hier eigentlich keine kategoriale, sondern bloß eine immanente Kritik angestrebt wird. Die herrschenden Verhältnisse werden nicht als solche kritisiert, sondern nur für ihren uneingelösten „konstitutiven Anspruch auf Transparenz und Autonomie“. Rationalisierung ist so aber eigentlich nicht mehr der Form selbst nach problematisch, sondern nur der fehlenden (kommunikativen) Ergänzung dieser Form. Jener Schritt wird meist nicht deutlich genug gemacht, weshalb auch die Rede von Fetisch, Entfremdung und Verdinglichung beirren mag. Mit Rückgriff auf die „Basis“ der älteren Frankfurter Schule ließe sich die Sache etwa so deuten, dass die Identitätslogik des Tausches nicht selbst das Problem ist, sondern nur ihre mangelnde politisch-kommunikative Verhandelbarkeit.

Horkheimer und Adorno betrachten hingegen diese Bewußtseinsstrukturen, also das, was sie subjektive Vernunft und identifizierendes Denken nennen, als grundlegend; die Tauschabstraktion ist lediglich die historische Gestalt, in der das identifizierende Denken seine welthistorische Wirkung entfaltet und die Verkehrsformen der kapitalistischen Gesellschaft bestimmt. Die gelegentlichen Hinweise auf die in Tauschverhältnissen objektiv gewordenen Realabstraktionen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Horkheimer und Adorno keineswegs wie Lukács (und Sohn-Rethel) die Denkform aus der Warenform ableiten.“ (Habermas 1982, 506)

Es verwundert nach dieser, wie Habermas selbst sagt, „idealistischen Rückübersetzung“ (Habermas 1982, 507) nicht mehr, dass Ideologie und Fetischkonstitution in eins gesetzt werden. Denn es gibt schlicht nur noch das idealistische Moment, jegliche materialistische Basis wird entweder der „positiven Wissenschaft“ zugeschlagen oder eben auf „instrumentelle Rationalität“ reduziert. Angesichts dieser Konstruktion erscheint es ganz notwendig, dass das Ideologie-Problem aufhört, eines des Verhältnisses von Ideellem und Materiellem zu sein – es wird ja von vorneherein gesetzt, dass insgesamt nur das Ideelle relevant ist! Ideologische Praktiken werden somit deshalb falsch, weil sie die „Verletzung interner Standards von Praktiken (schlechthin)“ sind. Somit kann eins wiederum recht gemütlich konzedieren, dass Ideologie „nie überhistorisch falsch ist“ und in Wahrheit ein „politisches Problem für rationale Wesen“ ist. Womit wir wieder bei Gramsci & Co angelangt wären[2]… Diese Argumentation ist aber auch in sich löchrig, denn was nicht wirklich erklärt wird – aber bei der Bestimmung und Berechtigung von Ideologie als solcher von erstem Rang ist – ist eben das Verhältnis von Bewusstsein und Handeln. Habermas setzt dies in seinem Konzept des „kommunikativen Handelns“ krude in eins. Ebenso folgelogisch muss dann auch Ideologie- und Fetischkritik zusammenfallen. In diesem Schritt liegt aber nicht nur eine idealistische Verschiebung weg vom Gegenstand Gesellschaft selbst (der einer „neutralen“ szientifischen Analyse überlassen wird) begründet; es wird auch das Problem der widersprüchlichen Bestimmung von Ideologie nur deshalb umschifft, weil eine (nicht mehr begründete) ontologische Instanz – das „richtige“ kommunikative Handeln – eingesetzt wird. Der Ideologiebegriff wird damit aber in Wirklichkeit nicht nur entschärft (weil eingeengt auf eine ganz bestimmte, tendenziell sprach- und sprachhandlungstheoretische Problematik); er wird auch seiner in sich widersprüchlichen Determination beraubt. Um dies zu konstatieren und den präsentierten Vorschlag einer Ideologiekritik als unkritisch zu diskreditieren müsste also noch nicht einmal die völlige Falschheit aller Habermas‘schen sozialontologischen Annahmen über menschliche Kommunikation bewiesen werden; es reicht aus, zu zeigen, dass diese Regeln nur auf einer gewissen Ebene der Argumentation eine Rolle spielen, die jedoch ob der spezifisch-gesellschaftstheoretischen Theoretisierung der bestimmten historischen Widersprüche des „automatischen Subjekts“ des warenproduzierenden Patriarchats völlig in den Hintergrund tritt. Zugespitzt ließe sich sagen, dass gerade weil Ideologien als materialisierte „falsche Bewusstseinsformen“ mehr sind als Inkongruenzen auf einer bloß individuell-abstrakten Handlungsebene, weil sie von einer nicht bloß kognitiven Rationalisierungstendenz, sondern der faktischen „irrationalen Rationalität“ der Wertverwertung und ihrer permanenten Abspaltung geprägt sind, lässt sich diese kommunikationstheoretische Perspektive als nachgeordnete Problematik betrachten.

Demgegenüber müsste ein wirklich dialektischer, negativer Zugang zur Ideologiefrage (den ich ansatzweise doch auch einer „materialistischen Rückübersetzung“ Adornos und Horkheimers anheimstellen würde) den von Stahl eingangs aufgemachten immanenten Widerspruch nicht nur ernst nehmen, sondern ihn als bestimmendes Moment der Ideologiedefinition selbst betrachten. Bestimmend heißt jedoch nicht, „schon von vorneherein bestimmt“. Der Kern der Ideologie ist ihre widersprüchliche Zwischenstellung zwischen kognitiver und sozialtheoretischer Dimension, um mit den Worten der Habermas-Schule zu sprechen. Diese Widersprüchlichkeit ist jedoch keine überhistorische und auch keine bloß ideelle, sondern eine immer schon gesellschaftlich induzierte, die auf eine materiale „Handlungslogik“ verweist, welche sich ihrerseits nicht bloß abstrakt-individuell definieren lässt, sondern eben nur im Verhältnis zu einer sozio-strukturellen Ebene, wie das Konzept der Realabstraktion nahelegt. Die gesellschaftsbestimmende Fetischkonstellation findet sich dann in der Widersprüchlichkeit des Ideologischen wieder, dessen Eigenschaften jedoch auch nicht einfach auf die Determination durch den Fetischismus zu reduzieren sind. Ideologie ist eben auch nicht von der anderen, „materialistischen“, Seite her reduzibel auf den Fetisch, wie es bei Lukács tendenziell der Fall war. Dies würde tatsächlich eine „ökonomistische“ Reduktion von Ideologie bedeuten, die nicht zuletzt auch von vorneherein blind wäre für Aspekte der Abspaltung und der daraus folgenden gebrochenen, letztlich nicht auf eine (einwertige) „Kernstruktur“ reduzierbare Vorstellung des Ideologischen. Es handelt sich bei Ideologie und Fetisch folglich um distinkte Momente mit unterschiedlicher kausaler Wirksamkeit im Sinne der gesellschaftlichen Konstituierung. Ideologisches ist nicht einfach aus den konstitutiven fetischistischen Verhältnissen „abzuleiten“; es wird jedoch durch diese determiniert und selbst noch von der fetischistischen Logik als Widerspruchs-generierende-Formlogik durchzogen[3]. Diese Art dialektischen Denkens fällt schwer, da sie die Grenzen formaler Kausalbeziehungen sprengt. Der immanente Widerspruch des Ideologiebegriffs ist aber gerade seine produktivste und spezifische Erkenntnis generierende Eigenschaft. Er ist es auch, der letztlich eine tatsächlich distinkte Bestimmung von Ideologie möglich macht. Während das, was unter Fetischismus verhandelt wird, freilich nicht ohne kognitiv-bewusstseinsmäßige Aspekte auskommt, steht es für eine materiale, zwar historisch emanierte, aber dennoch absolut rigide Vorgabe aller gesellschaftlichen Interaktion. Ideologie ist umgekehrt nicht bloßes „Bewusstsein“, denn sonst ließe sich die Problematik ja tatsächlich kognitiv-formallogisch, im Sinne einer szientifischen „Falschheit“ abhandeln. Sie steht jedoch für die variableren, prinzipiell sich auch im herrschenden System verändernden diskursiv konstituierten Handlungsmatrizen – wenn eins Foucault’sche Terminologie bedienen will: „Dispositive“ – die eher einer bewusstseinsmäßigen Bestimmung naheliegen.

Dies sind freilich nur Fragmente einer wert-abspaltungskritischen Ideologiekritik. Gezeigt werden sollte damit v.a., wie wichtig es ist, auf die Notwendigkeit einer Trennung von Fetischismus und Ideologie zu pochen. Darauf hat klugerweise auch Moishe Postone in seinem Vortrag explizit hingewiesen. Die Vermengung beider scheint mir nämlich nicht nur in dieser spezifisch habermasianischen Verhandlung des (selbstproklamierten) Themenkomplexes „Ideologie, Entfremdung, Verdinglichung“ – Fetischismus kommt nur am Rande vor – verbreitet zu sein, sie dürfte vielmehr in weiten Teilen einer mehr oder minder von dialektischem Denken inspirierten theorieaffinen Linken in der einen oder anderen Form vorzufinden sein. Inwieweit das mit dem Einfluss einer „idealistischen Rückübersetzung“ der neuen Frankfurter Schule zu tun hat, die auch den Re-Thinking Marx Kongress maßgeblich geprägt hat, kann ich nicht beurteilen. Als kritische Vorlage auf durchaus hohem Niveau kann diese jedoch gelten. Nicht zuletzt wird wert-abspaltungskritische Theorie wohl auch v.a. in diesem Milieu neue Gesichter überzeugen können, da doch eine gewisse inhaltliche Nähe besteht, was einen ersten, oberflächlichen Zugang zu Marx anbelangt: das dialektische Erbe wird nicht per se verworfen, sondern ernst genommen; Aspekte wie Verdinglichung und Fetischismus werden zumindest verhandelt; ein nicht bloß analytisches, sondern auf Totalität zielendes Verständnis wird durchaus hochgehalten. Das Problem scheint mir hier eher weniger ein Zuwenig an Hegel zu sein, als ein Zuviel. Dies äußerte sich auch in der, bereits erwähnten, Einladung einiger sehr merkwürdigen (marxistischen) Hegelianer, die recht unverblümt idealistische Thesen hochhielten und damit alles Mögliche zu begründen trachteten. Vor dieser Schlagseite muss ernstzunehmende dialektische Theorie sich tatsächlich hüten, denn hegelianische Argumentationsmuster können allzu leicht ins Dogmatische kippen und stellen dann in sich durchaus schlüssige ideelle Matrizen dar, die jedoch tatsächlich nur einem Selbstzweck dienen – dem der Bestätigung der impliziten ontologischen Annahmen des hegelianischen Rhetorikers. Dabei ist es mitunter schwer, diese versteckten ontologischen Annahmen auszuweisen, was nicht zuletzt der dialektisch-kritischen Marx-Rezeption eine Grube gräbt, aus der sie sich, solche rein argumentative Strategien abwehrend, immer wieder herausgraben muss.

Zum Abschluss: Über die (Kritik der) Politik

Demgegenüber bleibt aber doch ein Problem, dass sich trotz der Kritik all der Fallstricke und falschen Wege der besprochenen Theorietradition nicht auflöst und sich als wichtige inhaltliche Tendenz auch durch die Konferenz hindurch zog. Es ist dies die Frage nach dem Verhältnis von Ökonomischem und Politischem, oder vielleicht eher noch nach Determination und Kontingenz (denn beides ist nur polar in den jeweiligen „Sphären“ verdichtet, tritt aber nicht unilokal auf). Hier ist auch die Rede von der „synchronen“ und „diachronen“ Zeitform, die Axel Honneth aufbrachte, nicht ganz von der Hand zu weisen. Zweifellos kann eine negative, dialektisch-kritische Perspektive diese Momente nicht distinkt voneinander denken, sondern muss sie entlang der allgemeinen modernen Widerspruchslogik der Wert-Abspaltung denken. Dies reicht aber natürlich nicht hin, um etwa eine auch nur ansatzweise stichwortgebende Theorie des Politischen präsentieren zu können. Die Vorlage der habermasianischen und auch der üblichen an Gramsci, Poulantzas und Althusser geschulten Verdächtigen bietet hier freilich auch wenig, da sie die Form der Politik selbst für gewöhnlich nicht hinterfragt.

Umso überraschender war deshalb der Vortrag von Alex Demirovic, der bezeichnenderweise den Titel „Die Dialektik des Politischen. Zur Kritik der Politik und ihren Folgen“ trug. Demirovic ist zwar auch ein Frankfurter Schüler, der noch bei Adorno&Co studierte; er hat jedoch in den letzten Jahren eher durch seine Hinwendung zu einem voluntaristischen Verständnis von „kritischer Theorie“ Furore gemacht und ist nicht zuletzt durch seine ausführliche Auseinandersetzung mit Poulantzas und dessen Neu-Interpretation bekannt geworden[4]. Nichtsdestoweniger hat er die Ufer einer dialektischen Theoriebildung anscheinend zumindest nicht völlig verlassen, wovon ich mich auch in einer durchwegs spannenden Vorlesung an der Universität Wien einstmals selbst überzeugen konnte.

Demirovic schloss nun an eine Fragestellung an, die sich durch die ganze Konferenz in ungewöhnlich deutlicher (wenn auch nicht explizit formkritischer) Weise hindurch zog: wie lässt sich die Politik selbst thematisieren und historisch kontextualisieren, was sind ihre Grenzen und Spielräume und nicht zuletzt, wie ist sie ins Verhältnis zur Ökonomie zu setzen? Dabei wurde viel auf die Marx-Schrift „Zur Judenfrage“ verwiesen und die darin angelegte radikale Kritik der Politik diskutiert. Wenn auch die Kritik der Formlogik selbst verhalten blieb, so stellt für mich die Debatte ein gewisses Novum dar – zumindest angesichts der recht wenig hinterfragten Politik-Konzepte einer eher gramscianisch geprägten akademischen Linken. Ob dies eine neue Bewegung ist, oder ich schlicht nur an den falschen Quellen saß, kann ich nicht unmittelbar sagen. Jedenfalls stellt diese Tendenz – nicht zuletzt angesichts der diesbezüglich auch in der wert-abspaltungskritischen Theorie noch eklatanten Auslassungen – eine interessante Entwicklung dar, die es aufzugreifen gilt. Auch Demirovic setzt sich mit der Marxschen Frühschrift zum Politischen auseinander, er ist jedoch merklich angewandter und weniger philologisch unterwegs. Er kritisiert eingangs die Vorstellung Zizeks, dass es einer „ereignishaften“ und subversiven Form der neuen, „guten Politik“ bedürfte, welche die konstituierende Wirkung der herrschenden in Frage stellt. Diese Opposition zwischen „guter“ (weil z.B. „basisnaher“) und „schlechter (weil repräsentativer) Politik ist im Grunde ein Evergreen linker Debatte und führt immer wieder zu aporetischen Oppositionen. Demirovic meint nun, dass die Opposition selbst Thema werden müsste und somit eine „Dialektik der Politik“ anvisiert werden sollte. Politik ist dementsprechend nie als nur subversive oder rein konstituierende zu haben, sie ist der „ideale Durchschnitt“ von beiden Momenten. Bezeichnenderweise wird auch beides von Marx kritisiert, nämlich auf Grund der immanenten Natur diese Widerspruches selbst – die Politik hat insgesamt nicht die Macht und die Mittel, um das gewünschte Gemeinwesen herzustellen. Zumindest dann nicht, wenn mit Emanzipation der radikale Bruch gemeint ist, der v.a. auch mit der kapitalistischen Produktion und ihrer Allokation am Markt Schluss macht. Anstelle von Regierungen müsste die „Verwaltung von Sachen“ treten, der Staat würde absterben. Viel weitergehend würde das aber auch ein Ende der Politik bedeuten, denn die Spannung zwischen dem Anspruch auf Allgemeinheit und dem Partikularen würde verschwinden. Wenn es diese Antagonismen, die letztlich immer auch auf die Verfügung über Ressourcen abzielen, nicht mehr gibt, wäre diesbezüglich keine politische Diskussion mehr nötig, sondern nur noch eine rein technische.

Demirovic fährt mit einer Darstellung der Kritik dieser Position fort, und zwar jener von Seiten des Berliner Philosophen Frieder Otto Wolf. Dieser meint, dass die These vom Absterben des Staates (bisher) immer zum Gegenteil führte, nämlich einem autoritären Staat, der in Technokratie und somit der negativen Utopie eines „unpolitischen Allgemeinen“ aufging. Diese Linie der Kritik der Marxschen Kritik der Politik spitzt sich zu in der politischen Philosophie von Laclau und Mouffe, die bekanntlich von einem dauernden Konflikt über das Allgemeine als ontologischer Konstante ausgehen und folglich jegliches Monopol einer Definitionsgewalt über das Allgemeine kritisch beäugen. Die Individuen sollen vielmehr konfliktbereit sein, jedoch nicht im gewalttätigen Antagonismus, sondern der agonistischen Formen der Konfliktverhandlung, die wohl durchaus in der demokratischen Republik am ehesten vorhanden scheint. Demirovic interpretiert die beiden AutorInnen dabei so, dass sie den Klassenkampf letztlich sistieren wollen, insofern er bei Marx impliziert, dass eine partikulare Gruppe (Proletariat) politische Allgemeinheit beansprucht. Es würde also eine Art deliberatives Bild der Gesellschaft vertreten, in der v.a. die universalistische Inszenierung des Partikularen hinterfragt werden soll.

Unabhängig davon, ob diese Laclau/Mouffe Rezeption ihnen völlig Recht tut, ist Demirovic‘ Antwort sympathisch (so ich sie nicht missverstanden habe): er kritisiert jene Marxrezeption, die davon ausgeht, dass das Proletariat als Partikulares sich Universalisieren will[5] und meint, dass Marx höchstens eine negative Universalität des Proletariats vorschwebte, deren Ziel die Aufhebung aller Klassen- und Standesunterschiede war. Es ginge also darum, gar nicht mehr genötigt zu sein, die „eigene Partikularität anderen als Universales aufzuzwingen“ und somit um eine „Emanzipation von der Logik des Unrechts selbst“. Dies kann als utopische Vorlage der Frühschriften betrachtet werden, die jedoch auch auf den Maßstab der Kritik der Politik verweist – Marx ist gegen die Gleichmacherei der französischen Revolution, und die positive Einschätzung der Pariser Commune als „soziale Revolution gegen den Staat selbst“ legt nahe, dass er dieser Haltung auch in späten Jahren zumindest teilweise treu blieb. Auch die Commune ist nach Demirovic natürlich noch kritisch zu betrachten, da sie eine bloße Verallgemeinerung des Wahlrechts anstrebte, aber immer noch politisch blieb, was in engem Zusammenhang damit steht, dass der Produktionsapparat der Gesellschaft unberührt blieb. Hier endete der Vortrag mit der „Unabgegoltenheit der Marxschen Kritik der Politik“, die auch der Referent nur durch vage Verweise auf das Rätesystem und eine „neue Form der gesellschaftlichen Differenzierung, in der kollektive Entscheidungen vorgenommen werden“ zu ergänzen wusste. Trotz – oder vielleicht gerade auf Grund – dieser Offenheit am Schluss fand ich den Vortrag insgesamt überzeugend. Er war zwar durchgängig eher tentativ angelegt und beschränkte sich auf eine darstellende Auseinandersetzung mit den Positionen der Marxschen Kritik der Politik und ihrer GegnerInnen; dennoch ist mir nicht ganz einsichtig, wie die eigenen Positionierung Demirovic‘, die mir hier implizit doch angelegt zu sein scheint, sich mit seinen sonstigen Ansinnen im Kontext der akademischen „Polit-Linken“ vereinbaren lässt. Er hat zwar die immanente Rolle des politischen Kampfes nicht explizit verworfen (was ja auch keine ernstzunehmende Position tun würde), umgekehrt ist aber der auf den gramscianischen politischen Strategismus zurückgehende linke Theorie jegliche Vorstellung einer Kritik der Politik selbst für gewöhnlich sehr fern. Zweifellos kenne ich die Textgrundlage des Vortrags nicht und auch sonst nicht alle Äußerung Demirovic‘; vielleicht habe ich auch etwas missverstanden. Die grundsätzliche Ausrichtung würde ich dennoch als weiterführend werten.

Dies gilt insbesondere angesichts des Übergewichts an „falschen Illusionen“ über die deliberative Funktion des Politischen als überhistorischer und eigentlich neutraler „Aushandlungsform“. Auch hier gilt: selbst wenn Momente einer deliberativen Sozialontologie stimmen mögen, sind sie durch die „Sachzwänge“ der genuin modernen Politikform dermaßen überlagert, dass Gedanken über sie eben nicht viel mehr sein können als Gedankenspiele. Gefährliche Gedankenspiele jedoch, da sie nicht nur von den herrschenden Ideologien und fetischistischen Formzwängen ablenken können, sondern auch die Vorstellung einer Emanzipation, die „aufs Ganze“ geht, heimlich hintertreiben. Denn wenn Ökonomie und Politik als intrinsisch verwoben betrachtet werden, kann eine einseitige Überwindung nicht funktionieren. Das heißt umgekehrt natürlich, dass eine „starke“ These über die Möglichkeit einer befreiten Sozietät vertreten werden muss. Communismus kann nichts anderes heißen, als die weitestgehende Schließung der Dimensionen der Deliberation, insofern, als das Prinzip des Antagonismus tatsächlich bereits auf der Ebene der sozialontologischen Grundkonstitution des sozialen Ganzen (ich würde hier sowohl die Begriffe „Gemeinschaft“ wie auch „Gesellschaft“, wie sie seit Ferdinand Tönnies als Opposition verhandelt werden, bewusst vermeiden) von vorneherein umfassend sistiert ist. Diese Vorstellung einer „organischen Totalität“, die größtmögliche Transparenz mit größtmöglicher Solidarität verbindet, mag utopisch klingen. Aber ist nicht die reale Existenz einer „automatischen Totalität“ der Wert-Abspaltung, wie wir sie heute ertragen müssen, eine von außen betrachtet mindestens genauso abwegige Paradoxie? Wir leben in dieser Paradoxie und müssen mit ihren widersprüchlichen Konsequenzen erst einmal umgehen lernen. Hierfür bedarf es eines produktiven Diskurses kritischer Theorien, welche die Falschheit des Falschen (frei nach Titus Stahl) überhaupt verständlich machen. Trotz der Ambivalenzen sehe ich in der Möglichkeit und auch dem faktischen Ablauf einer breit angelegten und nun auch wieder „salonfähigen“ Debatte über Marx (hinaus) als wichtigen Schritt in diese Richtung. Recht schlecht prognostizierbare historische Konjunkturen „politischer“ Art mögen dazu beigetragen haben. Jedenfalls ist es, so denke ich, an der Zeit, dass diese positiven Impulse auch von der kritischen Theoriebildung aufgegriffen werden und v.a. wieder zu organisatorischer Verstetigung und einer Verstärkung der ergebnisoffenen, aber trotzdem ergebnisorientierten Diskussion miteinander führen. Um Politik wird dabei niemand herumkommen, jedoch besteht angesichts des (ideologie-)kritischen Stands der Debatte m.E. durchaus die Chance, dass Theoriepolitik nicht im Politischen aufgeht und somit weiter immanent bleibt. Hierfür muss freilich sowohl inhaltlich als auch praktisch „gekämpft“ werden, und große Veranstaltungen wie der Marx Kongress können hierzu beitragen, ebenso wie die Organisation im Kleinen. Jedenfalls gilt es – gerade angesichts der sich zuspitzenden Krisenverhältnisse – Altes zu überdenken und Neues auszuprobieren.

von Elmar Flatschart,
erschienen zuerst unter http://www.exit-online.org/

 

Literaturverzeichnis

Demirovic, Alex. Nicos Poulantzas. Aktualität und Probleme materialistischer Staatstheorie. Münster: Westfälisches Dampfboot , 2007.

Graham, J., & Gibson, K. (2006). The end of capitalism (as we knew it). A feminist critique of political economy. Minneapolis : University of Minnesota Press.

Habermas, Jürgen. Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982.

Anmerkungen

[1] Wem die neuesten Kleider der poststrukturalistischen Dekonstruktion noch nicht geläufig sind:  Julie Graham und Katherine Gibson traten gemeinsam als AutorInnenkollektiv auf und publizierten bis zum Tod von Graham auch stets gemeinsam unter diesem Alter-Ego. Ihre Position findet sich im bereits 1996 erschienen Werk „The end of capitalism (as we knew it). A feminist critique of political economy” (Graham & Gibson, 2006), scheint aber in der hiesigen Debatte erst in letzter Zeit rezepiert zu werden.

[2] Dies verweist auch auf die heimliche Verwandtschaft einer – idealistischen – Ideologietheorie im Anschluss an das Erbe Althussers und einer ebenso idealistischen selbstproklamierten Ideologiekritik mit Bezug auf die Habermas’sche „idealistische Rückübersetzung“ der Kritischen Theorie. Den gemeinsamen Nenner stellt der homologe Verweis auf das Politische als mehr oder minder kontingente Aushandlungsform dar. Politik wird zwar durch die von Gramsci inspirierte voluntaristische Deutung viel konfliktorischer interpretiert als durch den repressiven Reformismus der neuen Frankfurter Schule; beide sind jedoch auf dieselbe politische Formlogik als „ultima ratio“ der Kontigenz verwiesen und unterliegen gleichermaßen einer falschen Vorstellungen über die historische Formbestimmung des Politischen selbst. Das heißt nun natürlich nicht, dass alle Aspekte der einschlägigen Politik- wie Ideologietheorien gänzlich zu verwerfen sind; sie sind jedoch grundlegend zu revidieren und im Lichte einer Fetischkritik auch des Politischen neu zu betrachten.

[3] Das ist übrigens auch das gewichtigste Argument gegen eine Form von Denunziation der Fetischkritik, die ihr vorwirft, erneut „Nebenwidersprüche“ auszumachen. Wenn sich der eine, grundlegend zu bestimmende, Widerspruch der Wert-Abspaltung durch alle Aggregatzustände des Theoretisierbaren hindurch reartikuliert, heißt das weder, dass er mit scheinbar distinkten Ideologien wie Homophobie ident ist, noch von ihnen völlig unabhängig (was ja auch eine Ableitungslogik erst möglich machen würde). Es geht hier schlicht um eine andere, nicht-einwertige Art des Denkens in Widersprüchen selbst, die eine – selbst noch gebrochene – Widerspruchslogik inkarnieren. Als Formlogik ist sie damit eben nicht distinkt vom Inhalt getrennt; die Bezeichnung als „Form“ steht bloß für das dominante hierarchische Verhältnis, dass in der Wert-Abspaltung selbst impliziert ist und „das Andere“, Abgespaltene stets schon zum Nicht-Sagbaren und Unterworfenen macht.

[4] Vgl. hierzu (Demirovic 2007)

[5] Diese Tendenz zu überwinden ist im Wesentlichen auch der Kern der wert-abspaltungskritischen Kritik des ArbeiterInnenbewegungsmarxismus.

Mit Gramsci auf Abwegen – Eine kontextualisierte Kritik „gramscianischer“ Marxismen

Autor

Elmar Flatschart

 

Aufbau

1. Die Philosophie der Praxis im historischen Kontext
1.1 Nachholende Modernisierung in Italien
1.2 Stellungs- oder Bewegungskrieg?
1.3 Der Cäsarismus – ein „eingebettetes“ Faschismustheorem
1.4 Zur kontextualisierten Kritik Gramscis
2.  Polit-Ökonomischer Neogramscianismus
3.  „Postfoundationalistische“ Hegemonietheorie
4. Unheimliche Kontinuitäten

 

Abstract

„Mit Gramsci auf Abwegen“ befinden sich relevante Teile der linken Theoriebildung, aber auch in diversen Praxisfeldern, etwa im „zivilgesellschaftlichen Kampf um Hegemonie“, werden seine Konzepte rezipiert. Grund genug für kritisch-dialektische Theorie, diese Entwicklung ins Auge zu nehmen. Der vorliegende Artikel beansprucht eine erste einführende Kritik gramscianischer Marxismen zu leisten. Das Ziel der vergleichenden Vorgehensweise sind einerseits die Aufführung der theoretischen Anknüpfungspunkte und Diskontinuitäten im Bezug zu Gramscis eigenen Thesen, andererseits eine darstellende Kritik zentraler Prämissen des Denkens mit Gramsci. Zuerst wird Gramsci selbst behandelt, wobei insbesondere die strikt historizistische und politizistische Seiten des Werks hervorgehoben werden. Diese Tendenzen sind auch Anknüpfungspunkt für die gespaltene Weiterführung der „Philosophie der Praxis“: Auf der einen Seite wird mit dem „Neogramscianismus“ in der Internationalen Politischen Ökonomie eine mehr oder minder historisch-analytische und fest im wissenschaftlichen Betrieb verortete Tradition untersucht, die philosophisch dementsprechend platt ist. Dem konträr gegenüber steht die „postfoundationalistischhe“ Hegemonietheorie, welche v.a. von Laclau/Mouffe geprägt wurde. Sie erhebt sich vermittels poststrukturalistischer Bezugnahmen in die Höhen der Gesellschaftsphilosophie und versucht auf eigene Weise eine politische Logik der Hegemonie auszumachen, wobei über weite Strecken der Bezug zu materialistisch-kritischen Grundannahmen verloren geht. Am Abschluss wird die aus wert-abspaltungskritischer Perspektive zu leistende Kritik resümiert.

 

Erschienen in EXIT! No. 7
Erhältlich unter http://www.horlemann.info/index.php/vmchk/EXIT/EXIT-No.-7/flypage.tpl.html

2010/11 Lesekreis: Zwischen feministischer und Marxscher Theorie. Perspektiven einer materialistischen Kritik der Geschlechterverhältnisse

Was? Warum?

Im Lesekreis soll es um eine Wiederaneignung theoretischer Essentials eines Strangs kritischer marxofeministischer Theoriebildung gehen. Die Anfänge der Auseinandersetzung liegen in den 1970er Jahren, sie wurde in den 1980ern verstärkt aufgegriffen, später allerdings nur ganz sporadisch vorangetrieben.
Nach dem „postmodern turn“ wurden viele der damaligen Debatten abgebrochen und ein bereits erreichter gesellschaftstheoretischer Erkenntnisstand erodierte mehr und mehr. Wir möchten dieses Wissen ausgraben und sehen, was sich davon heute (noch) verwenden lässt.
Es geht um die Haltbarkeit von „Großtheorie“, die versuchen feministische und marxistische Ansätze integral zu kombinieren, d.h. Fragen nach der Geschlechterordnung und der Warenproduktion nicht nur „additiv“ im Sinne einer eklektizistischen oder „intersektionalen“ Herangehensweise zusammendenkt, sondern auf die gesellschaftliche Totalität abzielt und aus ihr heraus Momente wie Wert, Arbeit, Geschlechterdichotomie, patriarchale Herrschaft, moderne Subjektform, Ideologie oder auch (gesellschaftliches) Unbewusstes erklärt.
Derartige Ansätze die „aufs Ganze“ gehen sind bekanntlich rar geworden. Um sie zu verstehen reicht es oft nicht aus, die (wenigen) aktuellen Texte zu lesen, es bedarf einer sukzessiven Aufrollung zentraler Etappen ihrer Entstehungsgeschichte. Diese Genealogie der Kritik am warenproduzierenden Patriarchat steht aber auch für sich, denn sie verbreitert das Wissen über eine immer schon marginalisierte und heute fast vergessene Tradition geschlechterkritischer Gesellschaftstheorie.

Wann? Wo?

· Jeden Donnerstag, während Uniferien oder Feiertagen nach Vereinbarung
· Im Theoriebüro (Schenke, Pfeilgasse 33, 1080, Wien)

Formales

Der Lesekreis richtet sich an Menschen, die schon etwas mit Theoriearbeit vertraut sind. Vorkenntnisse zum spezifischen Thema sind natürlich nicht nötig, aber absolute Basics der feministischen und/oder marxistischen Debatte sind von Vorteil. Ganz allgemein sollten TeilnehmerInnen eine gewisse Erfahrung im Umgang mit (wissenschaftlichen) Texten mitbringen, denn angestrebt wird, für einen Text nicht mehr als 1-2 Einheiten zu verwenden. Es wird also einiges zu lesen geben, pro Woche im Schnitt 30 Seiten. Nachdem die Textstruktur aufeinander aufbaut macht eine Teilnahme nur Sinn, wenn du wenigstens den Großteil der Termine wahrnehmen kannst. Wir möchten uns nach Möglichkeit einmal pro Woche (exklusive Uni-Ferien u.ä.) treffen, um mit dem Programm so halbwegs durchzukommen.
Bezüglich des Ablaufs des Lesekreises können wir uns noch verständigen. Bewährt hat es sich aber, dass jeweils eine Person den Text (gründlicher) vorbereitet und so die Diskussion moderiert.
Falls die Gruppe zu groß wird (absolutes Maximum 10 Personen) bestünde auch die Möglichkeit zwei Lesekreise zum selben Thema zu machen.
Die Texte werden in einem gebundenen Reader bei Facultas im NIG aufliegen (Kosten: 15-20€) und werden teilweise auch eingescannt zur Verfügung stehen.

Gliederung

I Kritik der fehlenden Rezeption feministischer Theorie in der „Wertkritik“

II Abstoßungspunkt in der feministischen Theorie: Die Hausarbeitsdebatte

1. Die zwei Stränge der Hausarbeitsdebatte
2. Die Debatte zwischen Kontos/Walser und Bock/Duden
3. Die Prokla Debatte zwischen Ursula Beer und Claudia v Werlhof
4. Anknüpfungs und Abstoßungspunkte bei Kornelia Hauser und Frigga Haug
III Werttheoretische Alternativen zum Standpunkt der Hausarbeitsdebatte

1. Die Neubestimmung von Gebrauchswert und Konsumtion bei Robert Kurz

a) Gebrauchswertfetischismus bei Kornelia Hafner
b) Die wertabspaltungkritische Wendung bei Kurz: Geschlechterfetischismus

2. Anknüpfungspunkte auf Grundlage dieser Neubestimmung

a) Dorothea Meys „Die Liebe und das Geld“
b) Helga Grubitzsch „Frauen und Konsumgesetze“
IV Feministische Vernunftkritik / Kritik der Frankfurter Schule

1. Symbolische Ordnung und Gewalt bei Helga Geyer-Ryan
2. Die Hegel Kritik von Genevieve Lloyd und Heidemarie Bennent
3. Feministische Kritiken an Horkheimer und Adorno

a) Der fehlende Patriarchatsbegriff (Christine Kulke)
b) Das fehlende Verständnis von Gender (Irmgard Schultz)
c) Die unzureichende Fassung der Natur/Kultur Dialektik (Elvira Scheich)

V Das „gesellschaftliche Unbewußte“ und Subjektkritik

1. Roswitha Scholz Kritik an der Bestimmung der Kategorie bei Regina Becker Schmidt
2. Mögliche Weiterentewicklung der Kategorie durch Rekurs auf Cornelia Ott
3. Hildegard Heise: Subjekt, Patriarchat und kapitalistische Produktionsweise

Inhalt

(I)
Den Einstieg in den Lesekreis macht eine von Roswitha Scholz vorgebrachte Kritik an androzentrischer Theoriebildung im „eigenen Haus“: der „alten“ Wertkritik wird ihre Auslassung patriarchaler Herrschaft vorgeworfen. Gleichzeitig liegt in dieser Kritik aber auch eine gesellschaftstheoretische Erweiterung begründet, die nicht nur auf die wertkritische Gesellschaftskritik aufbaut, sondern gleichermaßen aus
feministischen Theorien hervorgeht.

(II)
Besonders relevant und bekannt ist hier eine Debatte, die sich um ein wesentliches politisches und theoretisches Kampffeld der (zweiten) Frauenbewegung dreht, der Hausarbeit. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Frauen zahlreiche Dienste im „Privaten“ unentgeltlich leisten, stellt sich aus gesellschaftstheoretischer Perspektive die Frage nach der Einordnung dieser Tätigkeiten. Ist Hausarbeit „Wert-schaffend“ oder nicht? Ist sie ein „vormodernes Relikt“, das „neben“ dem Kapitalismus steht, oder ist der Kapitalismus selbst patriarchal und die Hausarbeit insofern funktional? Wie verhält sich die Sphäre der „versteckten Ökonomie“ zu Wert, Lohnarbeit und Kapital? Wie treffen hier normative und
analytische Momente zusammen bzw. behindern sich gegenseitig?

(III)
Im nächsten Teil kommen jene Positionen zu Wort, die gegenüber der Hausarbeitsdebatte als solcher kritisch eingestellt sind, da sie einen anderen/weiter gefassten Wertbegriff haben. Insbesondere geht es dabei um die Essentialisierung des Gebrauchswerts bzw. dessen Kritik. Von einigen Positionen wurde Hausarbeit u.a. mit Konsum in Verbindung gebracht und als individuelle (anstatt produktive) Konsumption betrachtet. Kritik daran versuchte Tauschwert/Arbeit und Gebrauchswert/Hausarbeit dialektisch zu vermitteln und in ihrer gegensätzlichen Funktionalität auszuweisen, wobei die Seiten von ihrer normativen Aufladung befreit werden. Ausgehend davon zwingt sich allerdings eine Neuauseinandersetzung mit dem normativen Telos von Kritik auf, wobei weit über das ökonomische hinaus symbolische und subjektkritische Momente relevant werden.
(IV)
Im nächsten Teil wird es folglich um die Kritik von Vernunft und Aufklärung gehen, wobei die Kritische Theorie Frankfurter Schule ein wichtiger Referenzpunkt ist. Feministische Autorinnen haben einerseits die Aufklärung bzw. ihre androzentrischen Auslassungen kritisiert, oder sich, vermittels einer Ausweisung der Mängel der Frankfurter Schule, einer erweiterten Kritischen Theorie zugewandt, die produktiv an die alten Theorien (u.a. Dialektik der Aufklärung) anschließt. Bei alledem spielt die Frage nach dem (bürgerlichen) Subjekt, seiner Vergeschlechtlichung und der damit einhergehenden patriarchalen Grundgestalt der modernen Gesellschaft bereits eine große Rolle.
(V)
Im letzten Abschnitt werden Fragmente eines gesellschaftlichen Unbewussten, psychoanalytischer Gesellschaftsinterpretationen sowie von Sexualität und Macht behandelt, wobei u.a. auch Foucuault zu seinem Recht kommt. Kritisiert werden in diesem Zug auch Ansätze, die zwar die „Metastruktur“ des warenproduzierenden Patriarchats gut erschließen, jedoch die Subjekt- und Vernunftkritik außen vor lassen (Hildegard Heise). Schlussendlich soll auch ein Text von Roswitha Scholz gelesen werden, wobei es um eine abschließende Einschätzung ihrer „integrativen Leistung“ hinsichtlich des zuvor gelesenen gehen könnte.

Literatur

Zu I:
1. Roswitha Scholz: Der Wert ist der Mann. In Krisis 12 (1992)
Zu II:
2. Gabriele Dietrich: Die unvollendete Aufgabe einer marxistischen Fassung der Frauenfrage. In: Projekt sozialistischer
Feminismus (Hg.): Geschlechterverhältnisse und Frauenpolitik. Berlin 1984 (AS 110)
3. Gisela Bock/Barbara Duden: Arbeit aus Liebe-Liebe als Arbeit. Zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus.
In Gruppe Berliner Dozentinnen (Hg.): Beiträge zur Berliner Sommeruniversität. Berlin 1976
4. Irmgard Schultz: Der erregende Mythos vom Geld. Über Zeit, Geld und Geschlecht im Ökologiezeitalter.
Frankfurt 1994, Kapitel 1 (Debatte zwischen Bock/Duden und Walser/Kontos)
5. Ursula Beer: Marx auf die Füße gestellt?. Zum theoretischen Entwurf von Claudia v. Werlhof. In: Prokla 50
(1983)
6. Claudia v Werlhof: Lohn ist ein „Wert“. Leben nicht? Auseinandersetzung mit einer „linken Frau“. Replik
auf Ursula Beer. In: Prokla 50 (1983)
7. Frigga Haug/Kornelia Hauser: Geschlechterverhaltnisse. Zur internationalen Debatte um Marxismus/
Feminismus. In: Projekt sozialistischer Feminismus, a. a. O
8. Frigga Haug/Kornelia Hauser: Marxismus/Feminismus. In Knapp/Wetterer (Hg.): TraditionenBrüche. Entwicklungen
feministischer Theorie. Freiburg 1992
9. Kornelia Hauser: Strukturwandel des Privaten? Das „Geheimnis des Weibes“ als Vergesellschaftungsrätsel.
Berlin 1987
Zu III:
10. Kornelia Hafner: Gebrauchswertfetischismus. In: Behrens (Hg.): Gesellschaft und Erkenntnis. Freiburg
1993
11. Robert Kurz: Geschlechterfetischismus. In Krisis 12 (1992)
12. Dorothea Mey: Die Liebe und das Geld. Weinheim/Basel 1987
13. Helga Grubitzsch: Konsumarbeiterinnen und Lockvögel. Frauen in der kapitalistischen Konsumtion. In:
Beiträge zu feministischen Theorie und Praxis 15/16 (1985)
Zu IV:
14. Helga Geyer Ryan: Zur Geschichte des weiblichen Vernunftverbots. In: Kulke/Scheich (Hg.): Zwielicht der
Vernunft. Die Dialektik der Aufklärung aus der Sicht von Frauen. Pfaffenweiler 1992
15. Genevieve Lloyd: Das Patriarchat der Vernunft: Männlich und weiblich in der westlichen Philosophie. Bielefeld
1985
16. Heidemarie Bennent: Galanterie und Verachtung. Eine philosophiegeschichtliche Untersuchung zur Stellung
der Frau in Gesellschaft und Kultur. Frankfurt/New York 1985
17. Christine Kulke: Die Logik patriarchaler Vernunftkritik. . Ein weiblicher Zugriff auf die Dialektik der Aufklärung.
In: Deuber-Mankowsky u. a. (Hg.) 1789/1989: Die Revolution hat nicht stattgefunden. Tübingen
1989
18. Irmgard Schultz: Julie & Juliette und die Nachtseite der Geschichte Europas. Naturwissen, Aufklärung und
pathetische Projektion in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno. In: Kulke/Scheich a.
a. O. (siehe auch Kapitel 3 im erregenden Mythos vom Geld)
19. Elvira Scheich: Denkverbote über Frau und Natur. In: Kulke (Hg.): Rationalität und sinnliche Vernunft.
Frauen in der patriarchalen Realität. Berlin 1988
Zu V:
20. Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose
des Patriarchats. Bad Honnef 2000
21. Cornelia Ott: Die Spur der Lüste. Sexualität, Geschlecht und Macht. Opladen 1998
Zu VI:
22. Hildegard Heise: Flucht vor der Widersprüchlichkeit. Kapitalistische Produktionsweise und Geschlechterbeziehung:
Frankfurt/New York 1986
23. Hildegard Heise: Rationalität und Rationalisierung: Dominante Formen der bürgerlichen Gesellschaft? In:
Kulke/Scheich a. a. O