Tag Archives: Krisentheorie

31.01.2013: Krise und Geschlecht

Geschlechterverhältnisse in der Krise?

 

Neben im engen Sinn als „ökonomisch“ verstandenen Krisenphänomenen ist aktuell auch von der „Krise der Ernährermännlichkeit“ und der Reproduktionsarbeit die Rede. Die althergebrachte vergeschlechtlichte Arbeitsteilung sei in die Krise gekommen, damit würden sich auch die Subjekte und die sie durchziehende patriarchale Herrschaft auf unterschiedlichste Weise verändern. Dies gilt es jedoch genauer zu beleuchten. So wollen wir im Jänner eine breitere Perspektive auf „die“ Krise legen, welche Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse in den Blick nimmt. Ein Fokus auf Krisen von Männlichkeiten, wie auch auf feministische Kritik einer vermeintlichen Destabilisierung asymmetrischer Machtverhältnisse steht dabei im Vordergrund der Auseinandersetzung. Im Kontext der in Krisenzeiten zu befürchtenden Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen soll schließlich zu einer geschlechtersensiblen, kritischen Diskussion aktueller Krisenphänomene angeregt werden.

19Uhr30 @ Schenke, Vortrag von Ann Wiesental & Stefan Sulzenbacher: Flyer.pdf

25.10.2012 Veranstaltung: Einführung in die Krisentheorie

Krise überall? Einführendes zur Krise und Krisentheorie

 

In den Medien und Mainstream-Debatten ist die Wirtschaftskrise immer noch – nun v.a. als „Euro-Krise“ – in aller Munde. Ihre „Zukunft“ bzw. die Frage der Tragweite von Krisenmechanismen bleibt dabei jedoch fast immer außen vor. Dabei ist es längst offensichtlich, dass sich mehr als nur ein spezifisches Finanzregime in der Krise befindet. Wir haben es mit grundlegenden gesellschaftlichen Transformationen zu tun, die weder rein intentional gesetzt sind, noch einfach durch „politisches Handeln“ beseitigt werden können. Materialistische Krisentheorie bietet als einziger gesellschaftskritischer Ansatz aussagekräftige Erklärungsmuster an, welche die gesamte Breite der Krise zu erfassen suchen und sich nicht auf bloße pluralisierte krisenhafte „Erscheinungen“ reduzieren. Es gilt deshalb diese Erklärungsmuster weiterzuentwickeln und v.a. auch zu verbreiten, um der herrschenden Borniertheit gängiger Kriseneinschätzungen bzw. des ideologisierten „Alltagsverstands“ eine kritische Alternative entgegenzusetzen. Das Ziel der ersten einführenden Einheit – wie auch der gesamten Veranstaltungsreihe zur Krise – ist es, diesem Unterfangen zuzuarbeiten.

Im Vortrag und der nachfolgenden Diskussion werden einführende Überlegungen zur Einschätzung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krise präsentiert und ein kurzer Blick auf probate krisentheoretische Erklärungsmuster geworfen. Dabei sollen auch „linke“ AkteurInnen adressiert werden, um gemeinsam zu erörtern, welche (ideologischen) Sperrungen dazu führen, dass die Krise meistens – so sie überhaupt thematisiert wird – rein externalisiert betrachtet wird, anstatt als umfassende Lebensrealität auch der eigenen emanzipatorischen Praxen reflektiert zu werden.

19Uhr30 @ Schenke, Vortrag von Elmar Flatschart

Hawel / Blanke (Hg.) (2012) "Kritische Theorie der Krise"

Krit.Theorie der Krise

„Die Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie, die unter anderem mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Karl Korsch, Georg Lukács und Herbert Marcuse verbunden ist, deckt sich weitgehend mit jenem »kurzen 20. Jahrhundert«, das der britische Historiker Eric Hobsbawm mit dem Ersten Weltkrieg beginnen und 1991 mit der Auflösung der bipolaren Weltordnung enden lässt. Es ist ein Jahrhundert voller Turbulenzen, Krisen und Katastrophen. Seither, so Hobsbawm, haben wir es mit einem Ableben, gar mit einem Untergang auch der westlichen Welt zu tun, die sich in einem »freien Fall« befinde. Seit 2007 erlebt diese Welt eine fundamentale Finanz- und Wirtschaftskrise, die in einzelnen Ländern verheerende Auswirkungen hat. 2009 wurden Dimensionen erreicht, die mit jenen aus dem Krisenjahr 1929 vergleichbar sind, wenngleich bisher nicht zu erkennen ist, ob sich auch die politischen Entwicklungen wiederholen werden. Die bisher schon erkennbaren Parallelen sind allerdings Anlass genug, die Aktualität der Kritischen Theorie zu überprüfen.“ (Quelle: http://dietz-shop.rosalux.de/index.php?id=9921&backPID=9921&tt_products=512 )

INHALT

  • Moritz Blanke, Marcus Hawel: Zur Aktualität der Kritischen Theorie
  • Marcus Hawel: Krise und Geschichte. Zum Entstehungszusammenhang kritischer Theorie
  • Lutz Brangsch: Krisentheorien und Krisenkonzepte in der Geschichte des Kapitalismus
  • Roger Behrens: »Crisis, what Crisis?«. Kulturindustrie, Kritik und Krise
  • Annette Ohme-Reinicke, Michael Weingarten: Krise und Bewusstsein. Zur Aktualität sozialpsychologischer Grundlagen des Krisenbegriffs der Kritischen Theorie
  • Daniel Keil: Krisenkonstellationen. Überlegungen zum Zusammenhang von Krise und gesellschaftlicher Ausgrenzung
  • Asaf Angermann: Das schlechte Gewissen der Krise. Adorno, Badiou und die »ethische« Ideologie
  • Anne Steckner: Die Waffen schärfen. Zum Kritikbegriff bei Karl Marx
  • Tatjana Freytag: Kein Altern der Kritik

 

2012/13 Lesekreis: Krise. Part II

KrisePartII-Flyer

Dieser Lesekreis ist nicht aufbauend konzipiert; d.h. es sind
KEINE Vorkenntnisse aus jenem des letzten Semesters nötig.

Kickoff-Veranstaltung: 11. Oktober 2012; ~19Uhr
Lesekreis: jeden Donnerstag, 19h im Theoriebüro
(mit Veranstaltungen am 25.10., 29.11., 13.12. und 31.01.)

Beschreibung:

Alles ist in der Krise. Doch was heißt Krise und was sind diese Krisen? Sind sie eine Krise mit einer gemeinsamen Ursache – oder ist die Wirtschaftskrise ein Deckname für viele getrennte Krisen zur gleichen Zeit? Wir wollen uns mit den wissenschaftlichen Annäherungen beschäftigen: an die ökonomische, politische, ökologische & Gender-Dimension.

Der Lesekreis soll den Freiraum bieten, auf unterschiedliche Interessen und Vorkenntnisse einzugehen. Vorwissen ist nicht erforderlich, nur die Bereitschaft zuzuhören und mitzureden. Interessierte sind eingeladen, im gemütlichen Kreise die jeweiligen Beiträge zu diskutieren und ihre Meinung einzubringen.

Der Lesekreis findet wöchentlich (Donnerstag, 19h) für zirka zwei Stunden statt. Als Grundlage der jeweiligen Einheit dient ein überschaubarer Text, den jedeR TeilnehmerIn als Vorbereitung eigenständig liest. Dabei geht es uns nicht nur darum, die Texte gemeinsam besser zu verstehen. Diese dienen als Ausgangspunkt und Basis für Diskussion und Meinungsaustausch.

Info-Material: Plakat, FlyerVorne, FlyerHinten, LiteraturlisteVorschläge.pdf

Über die eine Krise, die viele ist

Kapitalismus und Krise

In den Medien hören wir heute mal mehr und mal weniger über „das Kriseln“. Nachdem der große Kladderadatsch  an den Finanzmärkten scheinbar vorüber ist, geht es nun mehr um die Maßnahmen der Politik und die Schwierigkeiten, welche Staatenlenker_innen bei der Regulierung der Wirtschaft haben. Von Sparpaketen ist die Rede und Rettungsschirmen. Die Lage wird als immer noch kritisch dargestellt, dem „Hausverstand“ wird suggeriert, dass „wir“ sparen müssen – für unser Land, unsere Kinder und sowieso, weil ja jede_r weiß, dass niemand – auch kein Staat – ewig über seine/ihre Verhältnisse leben kann. Das Chaos und die Hilflosigkeit von 2008, als plötzlich zahlreiche wichtige Banken – die Gralshüter des gegenwärtigen Geldsystems – kollabierten oder nur mit Mühe und Not davor bewahrt werden könnten, die folgenden Einbußen in der Realwirtschaft und alles, was im engeren Sinne der „unsichtbaren Hand“ der Ökonomie, dem freien Lauf des Marktes zugesprochen wurde, wird heute möglichst beiseitegeschoben. Aus einer Krise der Ökonomie wird eine politische Aufgabe gemacht, der Staat erscheint dabei in neuem Glanze und die Politiker_innen geben sich als souveräne Manager_innen einer Krise, deren Ursachen lieber gar nicht mehr diskutiert werden. Was in der Krise ist, wird – den allgemein immer kurzzeitiger werdenden kollektiven Gedächtnisleistungen entsprechend – vergessen oder beiseite geschoben.

Offensichtlich sind nun zahlreiche ideologische Effekte am Werk, um das Gros der Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen. In manchen Ländern wie Griechenland oder Spanien, aber zunehmend auch England und den USA, wo sich die sozialen Verhältnisse bereits so verschärft haben, dass dies nicht mehr gut funktioniert, wird zugleich auch der Repressionsapparat massiv ausgebaut. Die Politik erfährt ein Revival, das in „neoliberalen Zeiten“ ungewöhnlich scheint. Das Motto lautet also „wir haben alles unter Kontrolle“.

Doch viele Menschen zweifeln immer mehr daran. Und das ist auch berechtigt. Denn hinter der „Sachpolitik“ versteckt sich eine weitestgehend blinde „Reparaturmentalität“: es werden Löcher gestopft, ohne den Grund für das Leck auch nur annähernd beseitigen zu können. Das muss auch so sein, da die politischen Funktionsträger_innen weder wissen, was wirkliche Problemlösungen wären, noch die tatsächlichen Ursachen hinter dem, was sie als zu regulierende Probleme wahrnehmen, kennen. Doch selbst wenn sie umfassend in Gesellschaftskritik bewandert wären – die Möglichkeiten politische Gestaltung sind von vorneherein begrenzt. Ebenso wie eine Bank trotz aller Tricks nicht Geld aus dem Nichts schaffen kann, ist es auch politisch nicht möglich, außerhalb gewisser Grenzen „radikale“ Veränderungen zu bewirken. Es gibt gewisse „Formlogiken“, an die sich alle AkteurInnen halten müssen.

Wenn wir also von Krise sprechen, dann stellt sich die Frage, wie und ob diese Formlogiken in die Krise gekommen sind, denn wirkliche Krise unterscheiden sich von bloßen „Schwierigkeiten“, die von systemerhaltenden Akteur_innen durchaus gemeistert werden können, eben dadurch, dass sie auf einer ganz grundlegenden Ebene angelegt ist. Anders als oberflächliche, konjunkturelle Schwankungen, die ganz normal sind in einer widersprüchlichen Gesellschaft wie dem warenproduzierenden Patriarchat, ist eine Krise etwas Systemisches und muss folglich auch die ganze Gesellschaft betreffen. Diesem Verständnis nach, lag die Krisenhaftigkeit schon immer in einem System angelegt, das von vorneherein ein durch und durch Widersprüchliches war. Denn es produziert sich gegenseitig eigentlich umfassend ausschließende Seiten, die aber trotz – bzw. gerade auf Grund – dieser Gegensätzlichkeit nicht nur koexistieren konnten, sondern aufeinander verwiesen blieben. Der Widerspruch zwischen Gebrauchswert – dem eigentlichen „Sinn“, den Waren für uns haben können – und Tauschwert – der Austauschbarkeit als einzig relevantem Kriterium für Produktion – ist hier der offensichtlichste. Es gibt allerdings vielerlei Widersprüche, Dualismus, die strikt aufeinander verwiesen sind, welche einem ähnlichen Muster folgen: ein Universales, ist auf ein Anderes verwiesen, spaltet dieses aber dennoch immer ab. Ähnlich wie der Tauschwert am Schluss immer „gewinnt“, kann etwa auch gesagt werden, dass die patriarchale Seite, eine hegemoniale Männlichkeit schlussendlich immer obsiegt. Krise auf dieser grundsätzlichen Formebene würde bedeuten, dass eine immer schon widersprüchliche, aber bisher eine gewisse Stabilität und „progressive“ Entwicklung aufweisende Formlogik zunehmend aus dysfunktional wird, auf ihrer Basis kaum noch Weiterentwicklung möglich ist – sehr wohl aber ein nahezu unbegrenzter, langsamer rezessiver Prozess der (Selbst-)Zerstörung.
Was uns „oberflächlich“ nun als Krisenerscheinungen begegnet – also v.a. die Wirtschaft und vermittelt, als „Manager_innen und Retter_innen der Wirtschaft, die Politik – ist deshalb nicht alles. Wenn wir von der oben genannten Formkrise sprechen, so muss sich diese – wenn auch auf unterschiedliche Weise – in der gesamten Gesellschaft artikulieren. Wer genauer schaut, wird aber auch feststellen, dass es in vielen anderen Bereichen kriselt. Ich möchte kurz 10 gesellschaftliche „Sphären“, „Bereiche“ bzw. Aspekte nennen, in denen von Krise im obigen, systemischen Sinne geredet werden könnte. Diese Auswahl ist selbstverständlich willkürlich und selektiv – es ließen sich sicherlich noch zahlreiche andere Aspekte finden.

10 Krisenmomente

  1. Krise der „sozialen Wohlfahrt“

Ganz unmittelbar betrifft uns schon lange eine Krise der sozialen Wohlfahrt. Während zwar nominell die Wirtschaft wächst, verteilt sich das Einkommen seit den 1970ern immer ungleicher und die sozialen Absicherungen, welche nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, wurden auch in den wohlhabenden Ländern sukzessive abgebaut. Dies wird oft mit dem Vormarsch des „Neoliberalismus“ in Verbindung gebracht und somit rein „politisch“ erklärt. Zweifellos spielen Kämpfe und Kräfteverhältnisse für den Verlauf dieser Entwicklung eine Rolle. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Wohlfahrtsstaat und seine fordistische Basis auch selbst in eine Krise gekommen war, die in den 1970ern eben nur durch wirtschaftspolitische Veränderungen bearbeitet werden konnte. Dass dabei Wirtschaftswachstum und soziale Wohlfahrt für einen Großteil der Menschen sich entgegengesetzt entwickelten, ist die Konsequenz von veränderten Akkumulationsweisen, die wiederum mit neuen Produktionsverfahren zu tun hatten, denn diese nötigten andere Unternehmensstrukturen auf und machten staatliches „deficit spending“ immer schwieriger.

  1. Ernährungskrise

Die Krise der sozialen Wohlfahrt macht sich in unterschiedlichen Ländern natürlich unterschiedlich geltend. Während es in manchen Ländern nur „relative“ Einbußen sind, d.h. es den Leuten zwar immer „weniger viel“, aber doch besser ging, ist es in den Ländern der globalen Peripherie zu viel drastischeren Einschnitten gekommen. Viele ehemalige „Entwicklungsländer“ – v.a. jene in Afrika – entwickeln sich schon lange nicht mehr. Im Gegenteil kommt es weltweit zu Krisen der Ernährung – und das obwohl die Ressourcen vorhanden sind und technisch noch viel mehr möglich wäre. Die Disproportionalität zwischen Möglichem und Verwirklichten kann als besonders deutlicher Indikator neuer Krisenqualität gelten. Denn dass heute immer mehr Menschen immer weniger „Ernährungssouveränität“ haben, ist nicht Schicksal und auch nicht Naturgewalt, sondern hat – krisenhaftes – System.

  1. Krise des Raumregimes

Ähnliches könnte über die räumliche Entwicklung gesagt werden. Einerseits wächst die Welt durch IT und Globalisierung immer näher zusammen, die Grenzen werden durchlässiger und die nationalstaatlichen Räume verlieren ihre Homogenität. Zugleich steigen jedoch Nationalismus, Ausgrenzungsdenken und auch die materiellen Grenzen sind für viele – wenn auch nun selektiv – geschlossener als je zuvor. Die „Festung Europa“ schottet sich ebenso ab, wie die USA gegenüber Südamerika. Das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Räumen des Zentrums und der globalen Peripherie spitzt sich zu, während zugleich Unternehmen transnational agieren und auch politische Regulation immer weniger von einzelnen Nationalstaaten gemacht werden kann.

  1. Ökologische Krise

Dies ist besonders deshalb der Fall, weil sich nicht nur die „Wirtschaft“ globalisiert hat, sondern auch ihre natürliche Grundlage nicht mehr einfach im „Behälterraum“ eines einzelnen Staates gedacht werden kann. Gesellschaftliche Naturverhältnisse – die komplexe Wechselwirkung von Mensch und Natur – haben sich dynamisiert, globalisiert und sind ebenfalls als krisenhaft zu bezeichnen. Die Art und Weise wie wir uns heute die Welt „zum Untertan“ machen ist, zerstört jene immer stärker und mit globalen Auswirkungen. Die Klimakrise ist hierfür ein Beispiel. Es trifft nur natürlich erneut die südlichen Länder stärker, als jene auf der nördlichen Halbkugel. Dennoch sind die Probleme ökologischer Art auch tiefergehender Natur – denn der Kapitalismus baut intrinsisch auf einer „billigen“ energetischen Versorgung durch fossile Rohstoffe auf. Diese werden jedoch immer knapper. Insofern ist nicht nur das Klima und generelle Knappheit mancher Ressourcen ein Problem, auch steuert die energetische Basis allen unseres Wirtschaftens auf eine finale Krise zu, d.h. mit „Peakoil“ & Co wird ökonomische Versorgung qua Arbeit und Markt immer weniger möglich werden. Ein nicht fossiler Kapitalismus ist allerdings schwer vorstellbar, würde er doch gravierende Umbrüche in den gesellschaftlichen Naturverhältnissen notwendig machen, die ein Maß an Planung voraussetzen, das in einer geldvermittelten Ökonomie kaum machbar ist.

  1. Krise des Subjekts

Es sind jedoch nicht nur „materielle“ und uns „äußerliche“ Aspekte in der Krise. Tatsächlich kann ist auch das moderne Subjekt in krisenhaften Tendenzen gekommen. Die Subjektwerdung in der Moderne war zwar immer schon widerspruchsvoll, jedoch gab es mehr oder weniger hegemoniale Modelle, an denen sich ein Gros der Menschen orientieren konnte. „Subjekt“ – als innerhalb der Verhältnisse handlungsfähig – zu werden, war mit mehr oder weniger klaren (und immer ausschließenden) Kriterien verknüpft. In der sogenannten „Postmoderne“ fehlen jedoch zusehends derartige Vorschläge, es wird nicht nur theoretisch vom „Tod des Subjekts“ gesprochen, auch scheinen den Individuen immer stärker Anknüpfungspunkte für Identifikationen abhanden zu kommen. Dies führt nur zu einer Zunahme und Pluralisierung psychischer Defekte, die immer mehr dem Muster einer schleichenden Depression folgen. Als „Volkskrankheit“ ist diese aber weniger ein medizinischer Extremfall, sondern die Normalität in Zeiten der Flexibilisierung des Subjekts, die zugleich auch eine Überlastung der Einzelnen mit sich bringt: das postmoderne Subjekt muss zugleich alles können, möglichst umfassende und vielschichtige Handlungsfähigkeit aufweisen, darf dabei aber schon gar nicht mehr als Subjekt, als geschlossenes, mit Identität versehenes Wesen, auftreten. Der Widerspruch zwischen Außen und Innen spitzt sich dabei ebenso zu wie jener zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen im Inneren selbst. Dies ist nicht nur aus individueller oder moralischer Ebene bedauernswert, bzw. ein gutes Geschäft für Psychotherapteut_innen. Auch sind „funktionierende“ Subjekte in letzter Instanz ein Indikator für eine „funktionierende“ Gesellschaft. Die behelfsmäßige (Wieder-)Herstellung halbwegs funktionierender Subjekte ist und bleibt die Aufgabe von einem immer größer werden Therapie- und Psychopharmaka-Sektor. Auch wenn wir die Funktionsweisen dieser Gesellschaft schon immer ablehnten, so bedeutet eine Krise der Subjekte nicht, dass etwas Besseres nachkommt. Zugleich können die umfassenden individuellen Effekte dieser Krise wohl auch nicht einfach ignoriert werden, diese Form der Krise betrifft uns alle in sehr umfassender Weise.

  1. Krise der Geschlechterverhältnisse

Ähnlich verhält es sich auch mit den Geschlechterverhältnissen, die ja konstitutiv für die Subjektwerdung sind. Mit der Herausbildung des modernen warenproduzierenden Patriarchats, hat sich eine Geschlechterordnung etabliert, die auf klarer Zweigeschlechtlichkeit und einer diesbezüglichen materiellen, symbolischen und innerpsychischen „Arbeitsteilung“ beruht. Diese Ordnung, die den Mann privilegierte und Frauen aus der öffentlichen Aushandlungssphäre abspaltete, war und ist zentral für das Funktionieren des Gesamtsystems. Produktion und Reproduktion des Systems folgten lange Zeit einer geschlechtlichen Markierung. Seit dem Ende des Fordismus und seines „Alleinernährermodells“ ist dieses System ins Wanken geraten. Frauen konnten sich zumindest in vielen Ländern des Zentrums einen Zugang zu einer – partiellen – Subjektwerdung erkämpfen. Es war und ist jedoch weiterhin notwendig, dass sie ein Gros der Reproduktionsarbeiten ausführen. Dies führt immer mehr zu einer „doppelten Vergesellschaftung“, die einerseits materielle Schwierigkeiten produziert – neben Full-Time-Job, Hobbies und eigenständigem Leben sind Haushalts- und Familientätigkeiten kaum noch bewerkstelligbar. Aber andererseits auch die viel zentralere psychische, emotionale und zwischenmenschliche „Reproduktionsarbeit“ erschwert. Nicht zuletzt auch dann, wenn Frauen zwischen „männlichen“ Habitus-Konzepten, die für Führungspositionen notwendig sind und „weiblichen“ Rollenmustern, die auf Unterwerfung und dienender Haltung aufbauen, changieren. Männer sind ihrerseits durch das Brüchigwerden ihrer Alleinherrschaft verunsichert und verarbeiten dies auf unterschiedliche – meist destruktive – Weise. Insgesamt wird die immer schon existierende Verbindung von Patriarchat und kapitalistischer Produktionsweise zunehmend dysfunktional, was erneut im ersten Moment gar nicht so unsympathisch wirken mag. Dennoch – solang keine andere, bewusste Ordnung der Geschlechterbeziehungen mitsamt der komplexen vergeschlechtlichten Begehrensformen entsteht, kann die Krise des Alten nicht gefeiert werden, da sie zunehmend individuelles und v.a. auch zwischenmenschliches Leid hervorbringt.

  1. Krise der Kultur

Gleichartiges könnte für die Entwicklung der Kultur gesagt werden. Während die Aufstiegsgeschichte des warenproduzierenden Patriarchats auch eine der kulturellen Homogenisierung war – wobei eindeutig westlich-weiße Vorschläge privilegiert wurden und in kolonialer Tradition alle anderen überformten –, zeichnet sich spätestens seit der Revolte der 1968er Generation eine pluralisierte Kulturentwicklung ab, in der mehr oder weniger alles möglich ist, aber zugleich nichts mehr Relevanz hat. Die Devianz und Subversion ist soweit in das System integriert, dass sie selbst schon funktional geworden ist. Das „Anderssein wollen“ ist gewissermaßen die letzte sich verschiebende Grenze, in der dann doch alle Gleich sind. Dies alles findet mehr denn je unter dem Vorzeichen einer kulturindustriellen Reproduktion statt. Paradoxerweise kommen „verdinglichte“ Momente der Vereinheitlichung so mit den ihnen entgegenwirkenden Versuchen des „Individuellen“ zusammen. Beide Seiten, die Vereinheitlichung und Gegenbewegungen gegen sie, werden so immer mehr ident, was sich etwa in der gegenwärtigen Internetkultur von Facebook und Co zeigt: Selbstinszenierung und Institutionen der kulturell-symbolischen Repräsentanz fallen in einer absolut „flexiblen“ Kultur zusammen, der es zunehmend schwieriger fällt, eine ästhetische und normative Selbstlegitimation zu finden. Sinnbildlich dafür stehen „virtuelle Welten“ die heute bereits in diversen Online-Spielen geschaffen werden – nicht nur werden Einzelne von ihnen verschluckt, im Status Quo fällt es auch zunehmend schwer, dies wirklich zu kritisieren. Auch wenn für viele die „Realität“ der „Fiktion“ noch irgendwie vorzuziehen zu sein scheint, schwinden wirkliche – d.h. gesellschaftlich grundierte – normative Argumente, um dies zu untermauern. Kultur als „Zweck“ – und damit die Sinnhaftigkeit menschlichen Schaffens (über die bloße Re-Produktion hinaus) – scheint sich in einem Prozess der Desintegration zu befinden. Dies betrifft nun eben nicht nur die „Hochkultur“ oder gewisse Medien „da draußen“, sondern kommt erneut zunehmend bei den vereinzelten Einzelnen an.

  1. Krise der Politik

Weitergehend ist aber nicht nur die kulturelle Vermittlung zwischen den Menschen in eine Sackgasse geraten, auch das, was vermeintlich der direkten Aushandlung und Absicherung der gesellschaftlichen Organisation dient, die Politik, ist in eine tiefe Krise geraten. Diese Krise ist nicht nur eine Legitimationskrise, die sich darin äußert, dass immer weniger Menschen wählen gehen bzw. immer mehr „politikverdrossen“ sind, der Politik gar nicht mehr zutrauen, eigenständige sinnvolle Entscheidungen treffen zu können. Diese Erscheinungen verweisen auf eine tiefere Krise der politischen Form selbst, die stets schon Ausdruck der gesellschaftlichen Möglichkeiten und Spielräume war. Wann immer Politik relevant werden wollte, musste sie sich mit Macht- und Hegemoniekämpfen auseinandersetzen, die wiederum vom Ziel repräsentativer Herrschaft geprägt waren. Politik war nie als unmittelbare Verhandlung der Interessen möglich, sie war vielmehr immer schon eine Frage der Spielräume, die – demokratisch oder nicht – der Gestaltung offenstanden. Grenzen waren indirekt (funktionieren der „Wirtschaft“) und auch direkt (Steuern) immer „ökonomischer“ Natur, ebenso wie die Ökonomie durch die Politik begrenzt wurde. Die Dialektik von beiden ließ mal mehr und mal weniger eine relative Autonomie zu. Diese Spielräume werden aber offensichtlich immer kleiner, was sich darin zeigt, dass Ökonomie und Politik sich immer mehr verzahnen. In der Politikwissenschaft ist die Rede von „Governance“ – einer Mischung aus ökonomischem Rationalitätskalkül und demokratisch-politischer Aushandlung – oder „Post-Demokratie“ – des formalen Fortbestands von demokratischen Institutionen, während sie immer mehr durch selbstzweckhafte Zwänge ausgehöhlt werden. Die politische Form als solche gerät in die Krise und dies bedeutet v.a. auch (gespürte) Handlungsunfähigkeit, Ratlosigkeit und Verlust von Perspektiven der Veränderung. Diese artikuliert sich durch unterschiedliche Lager natürlich verschiedenartig: blinde Verleugnung und stupide Rückbesinnung auf absolut anachronistisches war beispielsweise schon immer ein „kontrafaktischer“ Bewältigungsmodus von Krisen der Handlungsfähigkeit.

  1. Krise der Linken/emanzipatorischen Bewegungen

Ganz besonders die Krise der Politik, aber auch alle anderen krisenhaften Tendenzen, sind natürlich an linken Bewegungen nicht vorübergegangen. Für die linke traumatisch war dabei das Ende des „real existierenden Sozialismus“ als systemischer Alternative. Leider war dieser Sozialismus aber nicht nur nie eine Alternative zur herrschenden Gesellschaftlichkeit (eher eine – sehr einzigartige – Spielart); seine Krise war auch bereits Ausdruck der viel tiefer gehenden Krise im Kern der gesellschaftlichen Formen. Dies wurde aber nicht verstanden und damit endgültig die widersprüchliche eigene Position in und außerhalb der Form anerkannt. Im Gegenteil wurde entweder an alten dogmatischen Modellen festgehalten oder die Akteur_innen machten es sich in der neuen, krisenhaften Vergesellschaftung „gemütlich“ und suchten – quasi-flexibel – ihre „individuelle Emanzipation“ in einer zerstreuten „Mosaiklinken“, die kaum noch untereinander kommunizierte geschweige denn sich organisierte, sondern sich den „Single-Issue-Kämpfen“ verschrieb. Dies alles führt auch zu einer „Krise der Linken“, die sich nicht nur quantitativ äußert – viel weniger Menschen versuchen sich heute überzeugt und aktiv an radikaler Systemüberwindung –, sondern v.a. auch den qualitativen Mangel an gesellschaftlicher Relevanz der Linken, die höchstens noch in Sternschnuppenartigen „Mikrorevolten“ kurz aufleuchtet, um schnell wieder irrelevant zu werden. Dieser Mangel hängt maßgeblich auch mit den historischen Verhältnissen zusammen, in denen sich die Linke bewegt: gerade weil sie die Krise nicht wahrnimmt, kann sie Widersprüche nicht reflektieren und die eigenen und gesellschaftlichen Bruchstellen nicht bearbeiten.

  1. Krise der Ökonomie

Das Verstehen der gesamtgesellschaftlichen Krise hängt nun maßgeblich mit einem Verständnis der ökonomischen Krise zusammen. Dies ist nicht so, weil die Ökonomie alles andere „bestimmen“ würde. Wir haben es mit einer gesellschaftlichen Totalität zu tun, in der all das, was uns im Alltag als eigenständige „Sphären“ erscheint, innerlich miteinander verwoben und voneinander abhängig ist. Die ökonomische Sphäre nimmt aber insofern eine Sonderrolle ein, weil sie das eigentliche „Movens“ der Gesellschaft ist. Das heißt also nicht, dass – krude materialistisch – das „Materielle“ immer bestimmend ist. Umgekehrt ist die Gesellschaft so verfasst, dass sie auf die sozialen Beziehungen verdinglichend wirkt und dabei das Dinglich-Ökonomische eine quasi-automatische, selbstzweckhafte Eigendynamik entwickelt. Das ist eine spezifische Eigenschaft dieser einzigartigen historischen Formation und müsste nicht generell so sein. Diese Eigendynamik ist aber in allen Bereichen der Gesellschaft wiederzufinden und eben nicht nur am Markt oder in der Fabrik, sie artikuliert sich nur anders. Dies ist es, was Karl Marx mit „Fetischismus“ meinte. Das Verhältnis von (Selbst-)Bestimmung und Unterwerfung, Subjekt und Objekt, steht stets am Kopf. Am Ende setzt sich beständig ein Herrschaftsmoment durch, das die Menschen entmündigt, knechtet und erniedrigt – und das gerade durch ihre eigenen Handlungen hindurch. Die ökonomische Sphäre ist gewissermaßen die Spitze eines Eisbergs der gesellschaftlichen Verhältnisse, die so verfasst sind. Nicht weil das Materiell-Stoffliche als solches alles bestimmen würde, ist die Ökonomie treibendes Moment, sondern gerade weil das Materiell-Stoffliche eine bestimmte, (gesamt-)gesellschaftliche Eigendynamik entwickelt hat, die sich nun – samt dem, was sie beständig abspalten muss – durchsetzt, ist dies der Fall. Die ernsthafte Krise der Ökonomie, die bisher nur verschoben werden konnte, aber in ihrer umfassenden Wirkung keineswegs bewältigt wurde, ist also auch nur der offensichtlichste Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Krise, in der wir schon seit längeren stecken. Deshalb unterscheidet sich diese Krise auch von anderen „Wirtschaftskrisen“, von denen sonst oft die Rede ist. Denn diese waren bloße Durchsetzungs- oder Bereinigungskrisen in einer Aufstiegs- und Entwicklungsgeschichte des warenproduzierenden Patriarchats. Heute erscheint eine Fortentwicklung innerhalb dieser gesellschaftlichen Formen nicht mehr möglich. Dies äußert sich nun besonders krass in der Wirtschaft, die längst schon von fiktiven Werten, riesigen „Blasen“ und einer planlosen, scheuklappenartigen und nur noch kurzfristig denken könnenden „Trial&Error“ Mentalität dominiert ist.

Status quo – quo vadis?

Diese Aufzählung versteht sich zweifelsfrei als kursorische und tentative Annäherung – sie kann keien absolute Geltung beanspruchen und sollte in vielerlei Hinsicht kritisiert und verändert werden. Es geht jedoch v.a. darum, einmal einen Perspektivenwechsel zu wagen – den Gedanken zuzulassen, dass die herrschende Gesellschaft ihren eigenen Kriterien nach tatsächlich in einer umfassenden Krise sein kann. Die Verdrängung der Möglichkeit dieses Gedankens erscheint heute mehr denn je unbegründet und selbst noch ideologisch. Klar muss dabei jedoch sein, dass auch wenn nun vielleicht vieles dafür spricht, dass wir es mit einer ganz grundsätzlichen und finalen Krisenhaftigkeit unseres Gesellschaftssystems zu tun haben, dies das natürlich nicht heißt, dass das warenproduzierende Patriarchat einfach zusammenbricht, d.h. aufhört zu existieren. „Krise“ ist immer als Prozess zu verstehen. Und ebenso wie die grundlegende ökonomische Logik des Kapitalismus – aus Geld mehr Geld zu machen – eine nach menschlichen Kriterien ziel- und maßlose darstellt, ist auch die krisenhafte Entwicklung als ganze ziel- und maßlos. D.h. die bisherigen Verhältnisse werden nicht von einem Tag auf den Anderen aufhören zu funktionieren, es werden sich jedoch die Krisensymptome immer stärker und umfassender durchsetzen. Anzunehmen ist, dass es für viele von uns dadurch um Vieles ungemütlicher wird, gerade hier im Westen wird wohl die Illusion der breiten „Mittelschicht“ (mitsamt ihrer Ideologien der relativen Stabilisierung) endgültig begraben werden müssen. Wie sich dies gestaltet, können wir uns am Beispiel der Entwicklung der Länder der Peripherie in den letzten Jahrzehnten ungefähr vorstellen. Die Widersprüche werden krasser und die Verhältnisse komplexer, insofern als es zu einer neuen „Vielschichtigkeit“ kommt, in der weiterhin funktionale und herausgefallene Elemente zunehmend verdichtete nebeneinander existieren. Die einzigen wirklich denkbaren Grenzen sind unmittelbar stofflicher Natur: irgendwann haben wir vielleicht unseren Planeten so weit zerstört, dass er uns nicht mehr trägt; oder uns alle durch selbstverschuldete physische Gewalt ausgelöscht – letzteres ist ja spätestens seit der Entwicklung der Nuklearwaffen auch eine realistische Option.

Das heißt nun auch, dass Wandel trotz allem nur durch bewusste Veränderung, durch soziale Bewegungen mit wirklich radikaler Intention möglich ist. Es stellt sich dann natürlich die Frage, wie und wo dieser Wandel zu erreichen ist. Hierzu kann die kritische Theorie keine letztgültigen Antworten geben, sondern bestenfalls einige Richtwerte liefern.
Wichtig ist es, das System wie auch die Krise als integrale Zusammenhänge zu verstehen, in der alle Sphären und scheinbar unabhängigen Einheiten miteinander verwoben sind. Abstrakt lässt sich dann sagen, dass wir letztlich alles überwinden müssen, wenn wir auch nur eine Herrschaftsachse wirklich loswerden wollen. Wo emanzipatorische Praxis im Hier und Jetzt ansetzen soll, lässt sich hieraus aber nicht ableiten, überhaupt lässt sich das schwierig sagen. So kann es etwa gerade in Zeiten ökonomischer Verschärfungen zu einer Zunahme sexualisierter/patriarchaler Gewalt kommen, die ganz unmittelbar auf die Individuen wirkt. Weil das eine sehr unmittelbare „Krise“ ist, welche direkt die physische/psychische Integrität beeinflusst, ist es naheliegend, hier anzusetzen. Überhaupt spricht viel dafür, dass Praxen im Binnenraum des immer noch „Privatisierten“, im Kern des Subjekts – und damit v.a. zentral den Geschlechterverhältnissen – eine vorgeordnete Rolle zugestanden wird. Gewissermaßen in der Umdrehung der Eisbergmetapher, muss oft mit dem ganz konkreten und unmittelbar wahrgenommen „Krisen“, dem wirklichen Leiden an den Verhältnissen begonnen werden.
Das reicht aber sicherlich nicht aus, wenn es dabei bleibt. Die Abstraktionspyramide muss auch nach unten hin beackert werden, wenn unmittelbare Praxen wirklich funktionieren möchten, nicht bloßes „Löcherstopfen“ verbleiben sollen. Dies zu bewerkstelligen bleibt letztlich nicht nur eine Aufgabe der ganz unmittelbaren Praxis, es müssten auch wieder vermehrt „Theorien der Praxis“ mit geringerer Reichweite entwickelt werden, die sich jedoch – anders als etwas bornierte Schemata des Marxismus-Leninismus – von vorneherein ihrer eigenen Relativität und Widersprüchlichkeit ständig mitbewusst sind. Ganz zentral wird es für das Ausbrechen aus dem kontrollierten bzw. immer wieder subsumierbaren Status Quo einer pluralisierten „Mosaiklinken“ sein, dass sie sich wieder umfassender vernetzet und organisiert. Sie müsste wohl auch zu so etwas wie einem – gebrochen, sich selbst beständig hinterfragenden, aber doch handlungsfähigen – „Meta- und Gegensubjekt“ der Aufhebung der herrschenden Totalität werden.

Dies ist freilich schwieriger denn je. Die kritische Theorie kann hierfür v.a. den wichtigen Hinweis geben, dass die internen Widersprüche dieses Systems ernstgenommen werden müssen, nicht vereinseitigend kaschiert werden dürfen, sondern beständig im Kopf zu behalten und aktiv zu bearbeiten sind. Dies ist ein mühsamer Prozess. Schon das einzelne Ich sträubt sich bekanntlich gegen solcherlei Widersprüche und stellt lieber beruhigende Identitäten her, nicht anders gestaltet es sich mit kollektiven Identitäten. Trotz des immer wiederkehrenden Scheins von solchen versöhnten Zuständen, sollte stets bedacht werden, dass jene im Hier und Jetzt letztlich nicht zu haben sind – und auch als partielle Räume immer unwahrscheinlicher werden, je umfassender sich die gesamtgesellschaftliche Krise durchsetzt. Die einzige wirkliche Lösung ist also, mit dem Ganzen samt seiner Widersprüche radikal zu brechen. Aktionen wie der M31 stellen sicherlich wichtige Schritte in diese Richtung dar. Es darf jedoch nicht bei derartigen „Events“ bleiben, das Bewusstsein über die Krise und die sich in ihr zuspitzenden Widersprüche muss auch ins Alltagsleben getragen werden bzw. dort im Kleinen gesucht und bearbeitet werden. Nur wenn wir von „unten“ und von „oben“, im „Kleinen“ und im „Großen“, „privat“ und „öffentlich“ zugleich aufhören, den Kapitalismus zu machen, können wir aus der Krise eine wirkliche Systemveränderung machen.

Autor: Elmar Flatschart

Manuskript des Vortrags beim m31-Aktionstag.

 

2012 Lesekreis: Krise (aka "Was hat die Krise mit mir zu tun?")

Die Krise ist in aller Munde. Die (radikale) Linke scheint sie jedoch eher
widerwillig zu registrieren, als ernsthaft zu analysieren. Während
reformistische Kräfte wie ATTAC schnell eine Antwort haben und das
Finanzkapital dämonisieren, kommt von radikaleren Kräften höchstens der
obligatorische ideologiekritische Reflex, dass dies ja strukturell
antisemitisch sei. So sehr dies auch manchmal stimmen mag, ist damit alleine
noch nichts verstanden. Wer sich nicht eingehender mit den Ursachen und
Konsequenzen der Krise auseinandersetzt, droht die gesellschaftskritische
Bodenhaftung zu verlieren und hat damit auch keine bessere Erklärung als
ATTAC und Co bereit. Letztlich sind auch die aktuellen ideologischen
Verarbeitungsformen nur dann durchschaubar, wenn ihr „Zeitkern“ erschlossen
wird.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Krisenerscheinungen ist
deshalb mehr als theoretisches Beckenrandschwimmen. Sie sollte auch für
politisch Aktive aller Couleur zur Pflichtübung werden, wenn sie nicht
Gefahr laufen wollen, an der Realität vorbeizutreiben. Wichtig ist es dabei,
festzuhalten, dass „Krise“ nicht gleichzusetzen ist mit „ökonomischer
Krise“. Das, was wir heute als „Wirtschaftskrise“ vorgesetzt bekommen, ist
nur die – wenn auch gewichtige – Spitze eines Eisbergs. In der Krise ist
(zumindest) eine Gesellschaftsformation und somit sind – mittelbar – auch
Aspekte wie Politik, Kultur, Psyche und Natur betroffen. Dies wollen wir in
der Gestaltung unseres Programms jedenfalls berücksichtigen.

Der Lesekreis zur Krise soll erste Einstiege in das Thema ermöglichen und
damit auch jene ansprechen, deren Fokus nicht nur die Theoriearbeit ist. Wir
haben deshalb dieses Semester auch bewusst darauf verzichtet ein „fixes
Programm“ auszuarbeiten. So möchten wir die Auswahl der Texte möglichst an
den Wissensstand und die Interessen der Teilnehmer_Innen anpassen.

KrisenPlakatLesekreis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der erste Termin findet am 22.3. um 19 Uhr im Theoriebüro (Pfeilgasse 33,
1080 Wien) statt und wird dann wöchentlich fortgesetzt (Flyer1, Flyer2 mit Text ).
Auf Grund der loseren Struktur kann es diesmal auch Sinn machen, zwischendurch
vorbei zu schauen. Nachfragen unter theoriebuero[at]lnxnt.org lohnt!

20.01.-22.01.2011 – Veranstaltung: Krise und Krisentheorie

Veranstaltungshinweis

Vortragsreihe: Krise und Krisentheorie

 

VORTRAGSMITSCHNITTE

Vortrag von Robert Kurz als MP3
Robert-Kurz_Kapitalismus-in-der-Krise.Geschichte-und-aktuelle-Verlaufsformen.mp3

Vortrag von Roswitha Scholz als MP3
Roswitha-Scholz_Krise-und-Geschlecht.Zum-Abstraktionsverbot-im-Feminismus.mp3

Vortrag von Claus Peter Ortlieb als MP3
Claus-Peter-Ortlieb_Systemische-Ursachen-der-aktuellen Krise.mp3
Folien zum Vortrag

 


20.1.2011
Kapitalismus in der Krise. Geschichte und aktuelle Verlaufsformen
(Robert Kurz)

Krise und Geschlecht. Zum Abstraktionsverbot im Feminismus
(Roswitha Scholz)

Robert Kurz wird in seinem Vortrag die Verlaufsform der aktuellen Krise nachzeichnen und auf die historische Entwicklung und Zuspitzung der dem Kapitalismus eigenen Krisenhaftigkeit eingehen. Anhand von Beispielen wird die tatsächliche Dimension der Krise verdeutlicht und im Kontext eines konsistenten theoretischen Erklärungszusammenhangs begründet, der wegführt von bloßen „Krisenphänomenen“ und systemische Ursachen in denVordergrund stellt.

Im Vortrag von Roswitha Scholz geht es um theoretische Auseinandersetzung die im weiteren Zusammenhang der Krise zu verorten ist. Feministische Theorien werden auf einer grundlegenden Ebene hinsichtlich ihrer epistemologischen und inhaltlich Aussagekraft befragt. Dabei wird ein wesentliches Defizit vieler feministischer Ansätze ausgemacht, das sich gerade auch in der (ungenügenden) Erklärungsfähigkeit der Krise zeigt, nämlich das Verbot der gesellschaftstheoretischen Abstraktion.

TU Wien Freihaus
Hörsaal 6, 2. Stock, grüner Bereich, Wiedner Hauptstr. 8, 1040 Wien
Beginn: 17:30h


 

21.1.2011
Systemische Ursachen der aktuellen Krise (Claus Peter Ortlieb)

Claus Peter Ortlieb beschäftigt sich – anschließend an die Ausführungen von Robert Kurz – mit allgemeineren Erklärungsmodellen der Krise. In dieser Hinsicht interessieren weniger die empirischen (Einzel-)Ereignisse, es geht um eine Theorie des „idealen Durchschnitts“ der Krise des Kapitalismus. Im Rekurs auf die Kritik der Politischen Ökonomie und durch die Entmystifizierung volkswirtschaftlicher Tatbestände wird ein fundiertes Bild einer komplexen und über die aktuellen Verlaufsformen hinausgehenden Krisentheorie gezeichnet.

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal
Sonnenfelsgasse 19, 1.Stock, 1010 Wien
Beginn: 18:00h

 

22.1.2011
Workshop „Krise, Krisentheorie und Praxis“ (mit allen ReferentInnen)

Nachdem die bisherigen Veranstaltungen eher als frontale Vorträge konzipiert waren, soll am Samstag die Möglichkeit geboten werden, Aspekte der Krise und Krisentheorie in einer gemütlicheren und offenen Atmosphäre gemeinsam zu diskutieren. Neben thematischen Inputs und der Vertiefung des Vortragsstoffes können dabei auch konkretere Fragen an die ReferentInnen gestellt werden, etwa hinsichtlich der Möglichkeiten und Einschränkungen emanzipatorischer Praxis in und zur Krise.

Schenke
Pfeilgasse 33, 1080 Wien
Beginn: 15:00h

 

Zu den Vortragenden

Robert Kurz (Jg. ´43) ist gesellschaftskritischer Publizist und Theoretiker in Nürnberg. Bekannt wurde er durch das auflagenstarke „Schwarzbuch Kapitalismus“, sowie zahlreiche Publikationen zu ökonomischen Krisen. Er geht dabei von einer „inneren Schranke“ kapitalistischer Entwicklung aus und weist diese akribisch und leicht verständlich an Hand aktueller Entwicklungen nach.
2011 erscheinen zwei neue Bücher zur Krise (Tote Arbeit. Die Substanz des Kapitals und die Krisentheorie von Karl Marx, Weltmacht und Weltkrise. Die Grenzen des Kapitalismus).

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, 1999.
  • Das Weltkapital. Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems, 2005.
  • Weltmacht und Weltkrise. Die Grenzen des Kapitalismus, 2011.

 

Roswitha Scholz (Jg. ´59) ist gesellschafts- und geschlechterkritische Publizistin und Buchautorin in Nürnberg. Ihr einflussreichster Beitrag zur gesellschaftskritischen Debatte ist die „Wert-Abspaltungstheorie“. In diesem Ansatz verbindet sie ökonomische und feministische Überlegungen  – sowohl theoretisch-abstrakt als auch an Hand konkreter Widersprüche und Beispiele.

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, 2000.
  • Differenzen der Krise – Krise der Differenzen. Die neue Gesellschaftskritik im globalen Zeitalter und der Zusammenhang von „Rasse“, Klasse, Geschlecht und postmoderner Individualisierung, 2005.
  • Maria breit den Mantel aus. Produktion und Reproduktion in der Krise des Kapitalismus, in Phase 2, Nr. 36, 2010.

 

Claus Peter Ortlieb (Jg. ´47) ist Professor am Fachbereich Mathematik der Universität Hamburg und Redakteur der Zeitschrift EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft. Bekannt ist Ortlieb vor allem durch seine kritische Auseinandersetzung mit mathematischer Modellbildung in den Volkswirtschaften (siehe z.B. sein Interview „Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft.“ in der FAZ, http://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/FASInterview.html ).

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Markt-Märchen. Zur Kritik der neoklassischen akademischen Volkswirtschaftslehre und ihres Gebrauchs mathematischer Modelle, 2004.
  • Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft. Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 2010.
  • Die verlorenen Unschuld der Produktivität, 2010.

 

Zahlreiche Texte der Vortragenden gibts es auf http://exit-online.org/

 

Hier gibts den Veranstaltungs-Flyer zum Download

 

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