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2013 Lesekreis: "Feminism As Critique"

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Die feministische Debatte ist heute stark geprägt von „poststrukturalistischen“ bzw. „dekonstruktivistischen“ Ansätzen, die gerade im deutschsprachigen Raum umfassend mit dem Namen Judith Butler verknüpft sind. Damit einher geht oftmals die Vorstellung, dass Feminismus nur noch in Verknüpfung mit einer performativen Queer-Theorie „zeitgemäß“ zu haben ist. Dieser inzwischen nahezu hegemoniale Trend wird allerdings nicht nur aus „politischen“ Gründen von vielen Feministinnen hinterfragt, es gibt auch zahlreiche theoretische Bedenken. Insbesondere Autor_innen mit materialistischem Background kritisieren dabei v.a. die alleinig „dekonstruktive“ Perspektive auf Geschlecht und vergeschlechtlichte Herrschaft und fordern ein „rekonstruktives“ kritisches Projekt ein, das Herrschafts-verhältnisse auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene verortet.

Der Sammelband „Feminism as Critique“ aus dem Jahr 1987 beweist, dass viele Problemstellungen von damals immer noch Gültigkeit haben, aber auch Debatten eines „rekonstruktiven“ Projekts seither eher eingeschlafen sind. In vieler Hinsicht finden sich in den oppositionellen Beiträgen „in statu nascendi“ Frontstellungen, welche auch heute feministische Theorie durchziehen, wobei das Problem der Bezugnahme auf (subjektivierende) Effekte von Macht allerdings damals noch weniger die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen ausschloss. Aus dem Anspruch, breitere Herrschaftsstrukturen zu thematisieren, resultiert bereits ein erster Fokus der Auseinandersetzung: die Trennung von Öffentlich und Privat und ihre patriarchale Funktion, die v.a. an liberalen Vorstellungen kritisiert wird. Diese ist – ältere marxistisch-feministische Ansätze zur „Hausarbeit“ aufgreifend – nur eingebettet in eine „versteckte“ gesellschaftliche Arbeitsteilung zu verstehen, die Frauen systematisch eine (symbolisch) untergeordnete Rolle zuwirft. Zeitgemäße kritische Theorie kann jedoch nicht bei dieser gleichermaßen einfachen und unkonkreten Feststellung stehen bleiben, da insbesondere in der sogenannten „Postmoderne“ eine Pluralisierung der Verhältnisse stattgefunden hat, die auch die Formen der Subjektivierung von Frauen (und Männern) betrifft.

In dem Buch versuchen sich die Autor_innen deshalb an einer differenzierten Kritik, die klassisch marxistische Überlegungen v.a. in zwei Hinsichten erweitert: einerseits mit Hinblick auf die stark von Jürgen Habermas geprägte Transformation der Kritischen Theorie Frankfurter Schule in eine „rationale Diskursethik“ der Moderne; andererseits mit Bezug auf die psychoanalytische und subjektkritische Diskussion selbst, sowie die dort verhandelten durchgängig negativen Bezugnahmen auf eine „universale Emanzipation“. Die Texte bewegen sich also im Spannungsfeld eines Projekts einer „immanenten Kritik“, das zumindest Teile des Bestehenden – und dabei oft auch eine Vorstellung von (Zwei-)Geschlechtlichkeit – als notwendige Basis der Kritik und damit vielfach auch als Teil einer möglichen Emanzipationsperspektive betrachtet. Aus dieser Position wird beispielsweise Michel Foucault, aber auch die von Jacques Lacan beeinflusste Tradition feministischer (psychoanalytischer) Theorie kritisiert. Demgegenüber sind allerdings auch Einwürfe vertreten, die auf radikalere Weise den Essentialismus einer solchen Position gerade hinsichtlich der Geschlechterdifferenz problematisieren. Am pointiertesten vertritt dies Judith Butler (die damals noch nicht weltberühmt war) in ihrem Beitrag. Auf ähnliche Weise stehen sich auf dem Terrain der Ethik zwei Positionen gegenüber: Die eine, welche spezifische Momente einer „weiblichen“ (Care-)Ethik erhalten möchte, die sich von der universalistischen Gerechtigkeitsethik unterscheidet und etwa von Habermas im Konzept der Lebenswelt (unkritisch) situiert wurde; Und die andere, welche stärker die binäre Basis von (ethischen) Unterscheidungen wie jener von Rationalität und Begehren hinterfragen möchte und dabei gar nicht mehr auf die immanenten Werte abzielt.
Im Lesekreis wollen wir uns dem spannenden und komplexen Themenfeld widmen und in respektvoller Atmosphäre über diese für ein feministisches und auch ein breiteres gesellschaftskritisches Projekt wichtigen Fragen diskutieren. Genaues Procedere und Termine klären wir gemeinsam in der ersten Einheit. Für diese sollte bereits auch die instruktive Einleitung zum Band gelesen werden.

Wann? Donnerstags, 19Uhr. Erster Termin am 21.03.2013

Wo? Theoriebüro. Pfeilgasse 33, 1080 Wien (@ „Schenke“)

Infomaterial: Flyer.pdf, Infoblatt.pdf

Lesestoff für die 1.Einheit: Einleitung.pdf
Weitere Texte werden per Mail/Hand verteilt.

Interessante Rezension des gesamten Bandes: http://dajialai.org/ziliao1/%CE%F7%B7%BD%D0%C2%D7%F3%C5%C9/New%20Left%20Review/Soper/4.pdf

Adorno, Theodor W. (1951) "Minima Moralia"

„Es gibt kein vergleichbares Werk in der philosophischen Literatur des 20. Jahrhunderts: Minima Moralia von Theodor W. Adorno ist eine Sammlung von 153 Reflexionen aus dem beschädigten Leben, die in der Kultur- und Gesellschaftskritik neue Maßstäbe gesetzt hat und auch ein halbes Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung gleichermaßen durch Aktualität und analytische Schärfe verblüfft.“ (Quelle: http://www.litde.com/autoren/adorno-theodor-w.php )

Hawel / Blanke (Hg.) (2012) "Kritische Theorie der Krise"

Krit.Theorie der Krise

„Die Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie, die unter anderem mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Karl Korsch, Georg Lukács und Herbert Marcuse verbunden ist, deckt sich weitgehend mit jenem »kurzen 20. Jahrhundert«, das der britische Historiker Eric Hobsbawm mit dem Ersten Weltkrieg beginnen und 1991 mit der Auflösung der bipolaren Weltordnung enden lässt. Es ist ein Jahrhundert voller Turbulenzen, Krisen und Katastrophen. Seither, so Hobsbawm, haben wir es mit einem Ableben, gar mit einem Untergang auch der westlichen Welt zu tun, die sich in einem »freien Fall« befinde. Seit 2007 erlebt diese Welt eine fundamentale Finanz- und Wirtschaftskrise, die in einzelnen Ländern verheerende Auswirkungen hat. 2009 wurden Dimensionen erreicht, die mit jenen aus dem Krisenjahr 1929 vergleichbar sind, wenngleich bisher nicht zu erkennen ist, ob sich auch die politischen Entwicklungen wiederholen werden. Die bisher schon erkennbaren Parallelen sind allerdings Anlass genug, die Aktualität der Kritischen Theorie zu überprüfen.“ (Quelle: http://dietz-shop.rosalux.de/index.php?id=9921&backPID=9921&tt_products=512 )

INHALT

  • Moritz Blanke, Marcus Hawel: Zur Aktualität der Kritischen Theorie
  • Marcus Hawel: Krise und Geschichte. Zum Entstehungszusammenhang kritischer Theorie
  • Lutz Brangsch: Krisentheorien und Krisenkonzepte in der Geschichte des Kapitalismus
  • Roger Behrens: »Crisis, what Crisis?«. Kulturindustrie, Kritik und Krise
  • Annette Ohme-Reinicke, Michael Weingarten: Krise und Bewusstsein. Zur Aktualität sozialpsychologischer Grundlagen des Krisenbegriffs der Kritischen Theorie
  • Daniel Keil: Krisenkonstellationen. Überlegungen zum Zusammenhang von Krise und gesellschaftlicher Ausgrenzung
  • Asaf Angermann: Das schlechte Gewissen der Krise. Adorno, Badiou und die »ethische« Ideologie
  • Anne Steckner: Die Waffen schärfen. Zum Kritikbegriff bei Karl Marx
  • Tatjana Freytag: Kein Altern der Kritik

 

Scholz, Roswitha (2005) "Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos"

„In den 90er Jahren dominierten im akademischen Feminismus poststrukturalistische Theorien. Marxistische Ansätze waren im Gegensatz zu den 70er und 80er Jahren marginalisiert. Statt nach einem neuen Totalitätsverständnis zu suchen, das neuere Entwicklungen wie den Niedergang des realexistierenden Sozialismus zu erklären imstande wäre, wandte man sich kulturalistischen Konzeptionen zu. Mittlerweile hat sich die Situation jedoch wieder geändert. Mit einer weiteren Zuspitzung der ökonomischen Lage und einer immer stärker hervortretenden „sozialen Frage“ stieg auch das Interesse an einer Kritik der „politischen Ökonomie“ wieder an. Damit allerdings geraten Sexismus, aber auch Rassismus, wieder einmal in Gefahr, zu „Nebenwidersprüchen“ zu verkommen.

Im folgenden möchte ich einige zentrale Momente der Wert-Abspaltungstheorie vorstellen, die ich im zeitgeistigen Kontext der kulturalistischen 90er Jahre als Gegenkonzept entwickelt habe. Diese Theorie knüpft einerseits an die jüngere wertkritische Weiterentwicklung der Marxschen Theorie an und andererseits an die Kritische Theorie Adornos. Adorno hat meines Erachtens vielerlei Ansatzpunkte für eine Kritik des Androzentrismus geliefert, die modifiziert und auf der Höhe der Zeit aufgegriffen werden müssen. Im folgenden soll es deshalb vor allem um den Zusammenhang von Wert-Abspaltungstheorie und Adornos Kritischer Theorie gehen. Freilich kann ich dabei bloß einige ausgewählte Aspekte aufzeigen. Gerade die Kritische Theorie Adornos läßt sich nicht auf 10 Seiten erledigen; er selbst hat auch einmal in Anlehnung an Hegel festgestellt, daß sich eine dialektische Theorie nicht „auf einen Spruch“ bringen läßt.

In meinen Ausführungen soll dabei die grundlegende Bedeutung des Geschlechterverhältnisses im warenproduzierenden Patriarchat deutlich werden. Das Geschlechterverhältnis kann auf keinen Fall zum Nebenwiderspruch degradiert werden, wie es in traditionellen Theorien (auch des Marxismus) weitgehend üblich war. Vielmehr handelt es sich bei der von mir behaupteten Wert-Abspaltung um ein zentrales Formprinzip kapitalistisch-patriarchaler Vergesellschaftung. Was darunter zu verstehen ist, möchte ich erst einmal kurz skizzieren, um sodann auf den Zusammenhang mit der Kritischen Theorie Adornos etwas genauer einzugehen. Vorausschickend möchte ich noch sagen, daß ich auf Unterschiede zu anderen feministischen Theorien in Deutschland, die ebenfalls an Adorno anschließen, nur am Rande eingehen kann.“ (Quelle: s.u.)

Scholz, Roswitha (2005)Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos„, in: Exit-Online

Dokumentation: Herbert's Hippopotamus

Marcuse and Revolution in Paradise

Einstündige englische Dokumentation über den Einfluss von Herbert Marcuse insbesondere in den USA.

Beschreibung:
This documentary examines the turbulent life in California of political philosopher Herbert Marcuse (1898-1979), author of One-Dimensional Man, Reason and Revolution and Eros and Civilization, among other books, professor of philosophy at the University of California San Diego, and a visionary and influential force for the student movement worldwide during the Sixties and Seventies. Blending archival footage, interviews, re- created scenes and voice-over narration, the video profiles not only the life of Marcuse but also the history of student protest and social activism. The video features interviews with Marcuse’s student Angela Davis, former UCSD Chancellor William McGill, colleagues Fredric Jameson and Reinhard Lettau, and rare footage of Marcuse and former California Governor Ronald Reagan. Directed by Paul Alexander Juutilainen

http://video.google.com/videoplay?docid=-5311625903124176509#

Knoll, Heiko (2009) "Zur Dialektik von Theorie und Praxis bei Theodor W. Adorno"

„Gibt es Freiheit im Denken und Handeln nur noch in der Kunst? Kontrahenten haben die Kritische Theorie Theodor W. Adornos in den vergangenen Jahrzehnten auf diese negative Weltsicht reduziert. Dabei sahen sie über seine dialektische Argumentationsweise schlicht hinweg und reduzierten sein Denken unangemessen einseitig. So erschien Adornos Position zu Theorie und Praxis als offensichtliche Schwachstelle seiner Kritischen Theorie. Heiko Knoll sucht nach dem Kern von Adornos dialektischer Argumentationsweise und weist deren Struktur und Inhalt in seinen Aussagen zu Theorie und Praxis nach. Nachdem der Streit über die tatsächlichen politischen Folgerungen von Adornos Aussagen abgeebbt ist, ergibt sich daraus ein neues Bild von einem großen Denker des 20. Jahrhunderts.“ (Quelle: s.u.)

  • Knoll, Heiko (2009) „Zur Dialektik von Theorie und Praxis bei Theodor W. Adorno“, Marburg: Tectum

 

Die Dissertation, auf der das Buch basiert, gibt es hier zum Download:

http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=975919067&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=975919067.pdf

Müller, Stefan (Hg.) (2009) "Probleme der Dialektik heute"

„Die Frage ‚Was ist Dialektik‘ wirft bis heute Unklarheiten auf, zuweilen auch erhebliche Kontroversen und Ärgernisse. Aus der Perspektive der älteren Kritischen Theorie zeigt sich, dass verbindliche Angaben über Ziel und Reichweite, Inhalt und Form, Anspruch und Wirklichkeit, Genesis und Geltung einer sozialwissenschaftlich relevanten Dialektik durchaus gegeben werden können. Größe und Grenzen einer reflexiven, vermittlungslogischen Dialektik im Anschluss an Hegel und Adorno werden genauer betrachtet, dargestellt und diskutiert.“ (Quelle: s.u.)

  • Müller, Stefan (Hg.) (2009) „Probleme der Dialektik heute“, Wiesbaden: VS. Verlag für Sozialwissenschaften

Voigts, Hanning (2010) "Entkorkte Flaschenpost"

„Die studentische Protestbewegung der sechziger Jahre formulierte das politische Ziel einer sozialen Revolution. Viele der aktiven Studierenden in Deutschland wie den USA orientierten sich dabei an der Kritischen Theorie Herbert Marcuses und Theodor W. Adornos, die deshalb oft zu den „Vätern der Revolte“ erklärt wurden. Dabei waren beide Philosophen völlig zerstritten, was die Bedeutung der „Neuen Linken“ betraf – während Marcuse die Bewegung begrüßte, war Adorno eher skeptisch, ob sie eine progressive politische Rolle spielen würde. Die vorliegende Studie untersucht die politischen und theoretischen Hintergründe dieser unterschiedlichen Einschätzungen. In der Diskussion um das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, Emanzipation und Gewalt erweisen sich Adorno und Marcuse dabei trotz aller Gemeinsamkeiten als Antipoden, besonders in der Frage nach dem Zusammenhang von Kritischer Theorie und politischer Praxis.“ (Quelle: s.u.)

  • Voigts, Hanning (2010) „Entkorkte Flaschenpost. Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und der Streit um die Neue Linke“, Berlin/Münster/Hamburg/London: LIT

Adorno, Theodor W. (1954) "Beitrag zur Ideologienlehre"

„In dem Vakuum dazwischen verliert sich das dialektische Problem der Ideologie: daß diese zwar falsches Bewußtsein, aber doch nicht nur falsch sind. Der Schleier, der notwendig zwischen Gesellschaft und deren Einsicht in ihr eigenes Wesen liegt, drückt zugleich kraft solcher Notwendigkeit auch dies Wesen selbst aus. Unwahr werden eigentliche Ideologien erst durch ihr Verhältnis zu der bestehenden Wirklichkeit“ (Adorno 1954, 472f.).

 

Adorno, Theodor W. (1954) „Beitrag zur Ideologienlehre„.